Gewiss

Donnerstag, 9. Juni 2016 | von Bellarminius

Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.

Gedanken zur lügenden Presse

Freitag, 29. Januar 2016 | von Bellarminius

»Benjamin Franklin«, so Félicien Vernou aus Balzacs Verlorenen Illusionen, sei der Erfinder dreierlei: »des Blitzableiters, der Ente und der Republik«. Als Journalist in den Vereinigsten Staaten habe er so gute Falschmeldungen erfunden, daß selbst der Enzyklopädist Raynal auf zwei von ihnen hereingefallen sei. Bezeichnenderweise hielt sich der französische Begriff, canard, nicht für eine bewusste Falschmeldung, sondern ist seit langem ein Synonym für Zeitung in Frankreich, wie etwa Le Canard enchaîné beweist. Man könnte also auf den Vorwurf »Zeitungen lügen!« antworten, daß das doch schon seit langem eine Selbstverständlichkeit sei. Bereits im Zeitalter der analogen Nachrichten war die Falschmeldung eine Normalität, die in der darauffolgenden Ausgabe eventuell korrigiert wurde, ansonsten gern z.B. vom Münchner oder Frankfurter Konkurrenten. Für manche Zeitschrift, wie dem Focus am 18. Januar 1993, begann sogar die Existenz mit einer Ente. Boulevardblätter, besonders die Regenbogenpresse, verdienen auch noch heute prächtig an insinuierten Schwangerschaften und fingierten Geständnissen oder ähnlichem. Solche Nachrichten sprechen die natürliche Neugier nach dem Skandal, dem Unerhörten im Menschen an und verkaufen sich deswegen besser – selbst wenn es dann nicht stimmte, für einen ersten kleinen Kitzel langte das Titelblatt trotzdem, Kauf gelohnt. Die Lüge, könnte man somit feststellen, hat also ihren angestammten Platz und eine schöne Tradition in der Zeitungslandschaft und ist gesellschaftlich akzeptiert.

Der Fall ist aber anders gelagert: den Zeitungen wird vorgeworfen bei politischen Fragen und Ereignissen stets tendenziös entlang einer »politischen Korrektheit« zu berichten, weshalb sie allesamt korrumpiert und nicht mehr lesbar seien. Auch das hat Tradition: schon um 1900 wurde gegen die Journaille und die Lügenpresse gezetert. Aus dem erbosten Ruf über die lügende Presse sprach 2014 aber das Unverständnis über die Inkongruenz zwischen dem eigenen sozialen Umfeld der Unzufriedenen und den befremdet-ablehnenden Kommentar der Mehrheit. Das eigentlich Befremdliche ist nun, daß sich der anklagende Trochäus, der nur Spott verdient, auf der Gewinnerspur ist: selbst linke und rechte Medienkritiker können ein frohes »wir haben es euch doch schon die ganze Zeit gesagt« nicht verkneifen. Und auch ins bürgerliche Milieu hat es der wohlfeile und ignorante Slogan, wenn auch ironisch gebrochen, geschafft. Man könne Zeitungen abbestellen schrieb vor einigen Tagen Jörg Baberowski – in der Basler Zeitung; man habe sich eine Einheitsmeinung verordnet, Martin Mosebach – im Deutschlandfunk.

Die Zeitungen geben ohnehin ein gutes Feindbild zur Mobilisierung ab, denn seit jeher wird über das, »was in der Presse steht«, gemurrt. Das von den Organisatoren der Demonstrationen angesprochene Milieu liest sie wahrscheinlich ohnehin eher selten. Und praktischerweise lassen sich die Medien tatsächlich auch noch liebend gern von den wenigen tausend Demonstranten verunsichern und stellen umfangreiche Selbstbefragungen und Befragungen der Verärgerten an.

Nun, nach dem September 2015, scheint sich seit dem Jahresbeginn die öffentliche Meinung zumindest in der asylpolitischen Frage zugunsten der Unzufriedenen zu wenden. Für einen ausländischen Beobachter aus Basel lässt sich das gut an den Artikeln der F.A.Z. ablesen, was ja dann doch eher für eine adäquate Meinungsbildwiedergabe, denn für ein verzerrtes Bild der Zeitungen steht (Arbeitshypothese: nur die deutsche Presse ist verlogen).

Eingefordert wird die Wahrheit, und da vertraut der verärgerte Bürger dann statt einem Fetzen Papier doch lieber dem Nachbarn, besonders wenn dieser Bundespolizist ist, Sohn eines Bekannten und die Nachricht aus einer ganz sicheren Quelle hat. Die Nachricht lautet dann: Flüchtlinge haben ein fünfjähriges Mädchen verspeist, oder am 11. Januar in der Traunsteiner Unterführung ein Mädchen vergewaltigt, oder sie kommen mit dem Bus im Oktober nach Einsiedel (dann trotz Blockade doch nicht), ein Flüchtling stirbt vor einem Landesamt in Berlin und ein russischstämmisches Mädchen wurde vergewaltigt usw. – allesamt Lügengerüchte.

Nicht nur die Presse lügt also, sondern auch noch der Nachbar auf Facebook. Wem kann man da noch trauen? Zumindest nicht Balzacs hinterhältigem Journalisten Vernou, denn ob Franklin wirklich die Ente erfunden hat bleibe dahingestellt, ganz zu schweigen von der Republik.

Kündigungsgespräch (4): Jürgen Tern

Sonntag, 13. Dezember 2015 | von Bellarminius

Simon war wieder einmal verschwunden. Tagelang war er diesmal untergetaucht. Nach sicher zehn unbeantworteten Anrufen hatte ich ihn gestern Abend endlich erreicht und wir verabredeten uns auf um vier, Alter Simon, Konviktstraße 43. Dort saß ich dann kurz-nach als erster Gast, hatte bereits einen Kranz Domkölsch vor mir stehen und versuchte einige Gedanken zur Vulgarisierung der deutschen Sprache fortzuführen (denn ich war zutiefst überzeugt, jene festgestellt zu haben), um diese Simon dann später noch eindrücklicher darlegen zu können. Ausgehend davon, daß einer der führenden Oppositionspolitiker erst kürzlich den Parlamentspräsidenten als »Arschloch« injuriert hatte, gingen meine Erwägungen dahingehend, daß sich eine neue Kultur der Invektive nun auch in den höchsten Institutionen unseres Gemeinwesens etabliert hatte. Ich sah mich in meiner Analyse nur bestätigt, als ich hörte, daß ein Journalist einer großen deutschen Tageszeitung nach der Redaktionskonferenz mit demselben Wort seinen Chefredakteur verunglimpft hatte. Irgendwie ermüdeten mich meine eigenen Überlegungen dann aber selbst zu sehr und ich holte die Faz aus meiner Tasche, deren letztes Exemplar ich eben noch bei ›Schreibwaren Rose‹ ergattert hatte. Ich kam aber nicht einmal zur ersten Überschrift, denn mein Blick blieb bereits kurz unter den großen Frakturlettern hängen. Irgendetwas stimmte da doch nicht in der Herausgeberzeile meiner geliebten Francforter – nein, tatsächlich, nur noch… / Und da sah ich Simon federnd zur Tür hereinschreiten, hielt ihm entgeistert die Titelseite der Faz entgegen und rief: »Sie haben den Tern rausgeschmissen!«

Simon kam nun gemählicher auf mich zu, setzte sich, lächelte milde und griff zu seinem ersten Kölsch. »Ja, ich weiß«, sagte er  grinsend, »und ich bin dabei gewesen«. Ich war so geschockt, daß ich ihn nur mit einer rollenden Handgeste zum Weiterreden auffordern konnte, aber Simon leerte erst einmal mit sichtlichem Genusse sein Glas. »Streng geheime Operation natürlich. Nach Faz-Regelung waren mir jegliche Telefonate zur Außenwelt während der Trennungsprozedur untersagt. Du glaubst gar nicht, wie bei denen der Laden gebrannt hat. Sogar ich war einmal kurz davor, die Sache abzublasen. Aber jetzt ist ausgeternt. Schachmatt«. Sichtlich erleichtert griff er zu seinen Zigaretten. Ich gab ihm ein Feuerzeug und fragte: »Also was war deine Aufgabe?« Er grinste schon wieder. »Eigentlich alles. Von der Planung der Verschwörung bis zum Entlassungsschreiben, auf das ich übrigens besonders stolz bin, hör mal: ›Wir sehen unsere Bemühungen um Sie als gescheitert an‹. Dem Spiegel habe ich dann auch noch die entsprechenden Informationen gesteckt. Auch die Verbindung zu Korn, ohne mich hätte Hoffmann nur träumen können, daß der mitzieht«. »Wie auch immer«, sagte ich, »und Tern ist am Ende einfach gegangen?« »Gestern Nachmittag war dann das Gespräch und der gute Tern hat mir schon fast leid getan. Aber er blieb die ganzen Anderthalbstunden vollkommen souverän, wirklich einzigartige ›Nehmerqualitäten‹ der Mann.« Ich atmete auf. »Nur dann, als er zur Tür ging. Du willst nicht wissen, was er uns im Umdrehen von der Schwelle aus zugerufen hat…«

Contra Boehm

Samstag, 12. Dezember 2015 | von Asavtani

Als die Schriftstellerin Ramona Ambs mit ihrer Familie in eine neue Wohnung zog und einer Nachbarin erklärte, was die Mesusa an ihrer Tür sei, sprach sich schnell herum, dass sie eine Jüdin ist. Bald darauf sei etwa einer ihrer Nachbarn auf sie zugekommen um ihr zu sagen, dass er zwar nichts gegen Juden, zu Israel jedoch eine »dezidierte Meinung« habe. Damit ist er in Deutschland nicht der Einzige.

Viele Zeitungsartikel über den israelisch-palästinensischen Konflikt widmen sich den einfach fassbaren Themen, wie Siedlungs- oder Mauerbau, andere sind kurze Meldungen über Vorfälle und Ereignisse, oder politische Stellungnahmen. Es gibt Kommentare und Glossen jeder Schattierung und Qualität. Und dann sind da noch all jene Appelle an die Gesellschaft, die Bürger, den Menschen und den Humanismus. Dagegen ist nichts einzuwenden, würden sie nicht häufig die Probleme und Bedingungen des Konflikts unreflektiert soweit vereinfachen, dass die Fakten im Dienste eines klaren Ergebnisses verkannt werden.

Am 21.10.2015 erschien auf Zeit Online der Artikel »Macht den Mund auf!« von Omri Boehm. Und nur mit offenem Mund, also mit Erstaunen, kann der Artikel gelesen werden. Der Tenor ist folgender: Die deutschen Intellektuellen sollen sich endlich wieder auf Kant und die Aufklärung besinnen, damit sie »den Mut finden, Israel zu kritisieren«. Der Artikel ist angenehm zu lesen und wirkt auf den ersten Blick überzeugend, da es scheinbar keine gewichtigen Einwände geben kann. Doch lohnt es sich, den verständnisvoll anmutenden Moralapell des jungen Philosophen an die alte Garde deutscher Intellektueller einmal näher zu betrachten:

Der Ausgangspunkt des Textes ist ein Interview von Jürgen Habermas mit der Zeitung Ha’aretz. In diesem Gespräch lehnt Habermas es mit einem Verweis auf seine Generation ab, sich über Israel und die dortige politische Lage zu äußern. Boehm wiederum beruft sich auf Kant und fordert von der eigenen Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen. Eine Weigerung das Verhalten von Israel zu kommentieren, sei eine Verweigerung der Aufklärung. Doch so falsch die Grundannahme von Habermas ist, seine Kindheit würde seine Befähigung sich politisch zu äußern beeinflussen, so falsch sind Boehms Annahmen zu Israel und Deutschland.

Eine der Prämissen Boehms ist das Vorhandensein einer »Unterdrückung öffentlicher Kritik am jüdischen Staat«. Dies ist zwar eine beliebte These in den deutschen Medien, doch bereits durch ihre ständige Äußerung widerlegt sie sich selbst. Kaum ein Beitrag wertet die israelische Siedlungs- oder Außenpolitik nicht negativ und nahezu niemand verliert ein positives Wort über die israelischen Regierung um Premierminister Netanjahu. Das Gegenteil ist der Fall: Bei diesen Themen besteht ein gewisser Konsens in der Gesellschaft. Man versuche sich nur einmal zu erinnern, wie oft parteiübergreifende Einigkeit im Deutschen Bundestag herrscht! Wohl nicht bei vielen Themen, doch als im Jahre 2010 die sog. Gaza-Hilfsflotte vom israelischen Militär gestoppt wurde, forderte der Bundestag geschlossen eine Aufklärung des Vorfalls und verurteilte das israelische Vorgehen. Der fraktionsübergreifende Antrag (BT-Drucksache 17/2328) wurde einstimmig angenommen und nach den Bundestagsprotokollen gab es Beifall im ganzen Haus (BT-Plenarprotokoll 17/51, S. 5395B). Was die Aufgaben des Bundestages sind, oder warum er beispielsweise keine offizielle Stellungnahme zu den Anschlägen in Paris gab, sei an diesem Punkt dahingestellt.

Wenn die deutschen Intellektuellen Mut zur Kritik an Israel fassen müssen, wie Boehm es fordert, dann müssen sie sich derzeit ängstigen. Denn Mut zu einer Handlung bedarf es, um Angst vor einer Handlung zu überwinden. Worin diese Angst besteht, spricht Boehm nicht aus, ebenso wenig wie der Unterdrücker der öffentlichen Kritik am jüdischen Staat benannt wird. Wer oder was ist dieses, die deutschen Intellektuellen und die Gesellschaft, beherrschende Etwas?

Welche Angst kann Habermas als Deutschen dazu veranlassen zur Politik Israels zu schweigen, die Martin Walser nicht davon abhalten konnte, in seiner Paulskirchenrede über den Umgang der Deutschen mit der eigenen Geschichte zu sprechen? Die Behauptung man dürfe etwas nicht kritisieren ist stets ein sprachliches Mittel, um selbst Tabubrecher sein zu können: man denke nur an die Rhetorik der Pegida-Bewegung. Und so unnachgiebig wie Pegida-Anhänger an ihrem Weltbild festhalten, so hält sich in der Gesellschaft auch das Gespenst des Kritikverbots an Israel.

Nicht nur, dass Boehm ein vermeintliches Kritikverbot Israels herbeischreibt, wie so viele differenziert er auch nicht ausreichend zwischen Judentum und Israel. Boehm schreibt: »Ein Deutscher, der sich weigert, das israelische Verhalten zu kommentieren, weigert sich, den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald er sich mit jüdischen Angelegenheiten befasst«. Man kann Israel als jüdisch bezeichnen, da es ein jüdischer Staat ist. Alle jüdischen Angelegenheiten auf Israel zu reduzieren ist jedoch ein evidenter Fehler. Wer sich – aufgeklärt – mit Antisemitismus in Deutschland oder einfach nur mit Klezmer auseinandersetzt, muss nicht den israelisch-palästinensischen Konflikt kommentieren. Ebenso wenig sind Juden, ob religiös oder nicht, dazu verpflichtet sich zu Israel zu äußern. Denn es gibt keine generelle Haftung des Judentums oder der Juden für Israel.

Die Manipulation der Öffentlichkeit, die Boehm der israelischen Regierung unterstellt, fällt in diesem Zusammenhang auf. Wer einen anderen manipuliert, beeinflusst ihn berechnend so, dass er nach dem Willen des Manipulierers handelt, gleichzeitig aber davon ausgeht, selbst zu entscheiden. Wie jede Regierung versucht die israelische die Wähler und Wählerinnen von ihrer eigenen politischen Qualität zu überzeugen. Israel ist ein funktionierender Rechtsstaat, ein Belügen und Betrügen müsste der Regierung nachgewiesen werden. Sonst versucht man selbst – ob gewollt oder ungewollt – zu manipulieren. Eine solche Unterstellung sollte Boehm fundiert begründen und belegen, gerade wenn er an den Gebrauch der Vernunft appelliert.

Um seinen Artikel zu untermauern beruft sich Boehm auf gut zweihundert Jahre der deutsche Philosophiegeschichte: Kant, Adorno, Arendt und Enzensberger werden als Autoritäten aufgerufen, um Boehm den Rücken zu stärken. Er schreibt: »Das Problem mit Enzensbergers Antwort an Arendt ist das Problem mit der Aufklärung selbst, nämlich dass Vertrauen nur geschenkt werden kann«. Solche Floskeln kennt man sonst nur aus dem Weihnachtsprogramm für Grundschulen. Gerade in der Politik kann Vertrauen durchaus erarbeitet werden, denn es basiert auf Handlungen. Man denke nur einmal an die schwierigen und mühevollen Verhandlungen zwischen der BRD und Israel nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Gedicht von Grass »Was gesagt werden muss« würde nach Boehm zwar das Schweigen der Intellektuellen als Problem benennen, jedoch keinen Ausweg aus ihm heraus weisen. In Bezug auf dieses Gedicht von Grass, haben die deutschen Intellektuellen doch erfreulicherweise nicht geschwiegen. So hat unter anderen Frank Schirrmacher damals auf die wesentliche Botschaft des Gedichts hingewiesen: Die vorgenommene Opfer-Täter-Umkehr! Das Gedicht ungeachtet dieser Einwände dennoch heranzuziehen, manifestiert die Borniertheit von Boehm in Bezug auf die Kontroverse um den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Wir gelangen zum Kern des Problems: Boehm fordert nur scheinbar eine aufgeklärte Stellungnahme der deutschen Intellektuellen. Vielmehr verlangt er eine negative Kritik an Israel, eine Verurteilung der Handlungen des Staates und eine klare Positionierung zugunsten der Palästinenser. Wird dies nicht explizit erwähnt, so suggeriert der Text dies als einzige Möglichkeit: Denn Boehm spricht immer nur von Israel als Akteur: Israel blockiere den Gazastreifen, vollziehe eine militärische Besatzung und seine Regierung begehe Verbrechen. Das Wort Palästinenser, Fatah oder Hamas (ohne diese gleichzusetzen) kommt im gesamten Text überhaupt nicht vor. Eine Stellungnahme wird lediglich in Bezug auf Israel gefordert, dessen Regierung bereits als Manipulator und Verbrecher gezeichnet ist. Doch wie kann eine Stellungnahme, deren Ergebnis vorweggenommen ist, aufgeklärt sein?

Jürgen Habermas kann sich entgegen seiner eigenen Auffassung selbstverständlich zu Israel äußern. Als aufgeklärter Intellektueller muss er jedoch versuchen, die gängigen gesellschaftlichen Denkmuster in Bezug auf Israel zu überwinden. Eines dieser Denkmuster ist, dass es eigentlich keinen Antisemitismus gibt. So stellt auch Boehm in Bezug auf die Londoner Studentenvertretung – sie hatte einen Antrag auf einen Holocaustgedenktag abgelehnt, da er zu »eurozentrisch« und »kolonialistisch« sei – die These auf, ihre Stellungnahme gründe im Antisemitismus, aber sie sei aufgrund aktueller Entwicklungen, wie das Begraben der Verträge von Oslo unter der Siedlungspolitik, »keinesfalls bloß irrational oder antisemitisch«. Wenn eine Aussage antisemitisch ist, also im Antisemitismus gründet, kann diese nicht durch ein möglicherweise falsches Handeln der israelischen Regierung gerechtfertigt sein.

Wie in so vielen Beiträgen zum israelisch-palästinensischen Konflikt geht es Boehm nicht darum, den Konflikt objektiv zu betrachten, um eine aufgeklärte Position einzunehmen. Sondern der Leser soll Boehm folgen und sein manichäisches Weltbild beibehalten. Eine Bewertung und Abwägung der politischen Streitpunkte des Konflikts wäre, in Hinblick auf einen Beilegung der Streitigkeiten, notwendig. Weitere Stellungnahmen die Israel aburteilen und zum Schuldigen erklären, können dies nicht leisten.

Ja, die Debatte in Deutschland bedarf der Aufklärung. Judentum und Israel dürfen nicht als synonyme Begriffe verwendet werden. Eine Debatte muss über die politische Lage geführt werden und nicht darum, was gesagt werden darf und muss. Es sind die Obsessionen der Deutschen, die von den deutschen Intellektuellen zu erörtern sind, damit nicht der, der eine Mesusa an der Tür hat sofort auf den israelisch-palästinensischen Konflikt angesprochen wird. Wer von Israel fordert, seine Truppen aus dem Westjordanland abzuziehen, der sollte die politische Entwicklung im Gazastreifen seit dem israelischen Abzug im Jahre 2005 bedenken. Einseitige Schuldzuweisungen, besonders im Namen der Aufklärung, sind weder sachdienlich noch wahr. Der israelisch-palästinensischen Konflikt besteht nicht nur aus der Siedlungspolitik und der Blockade des Gazastreifens – diese Verklärungen gilt es zu überwinden.

Kündigungsgespräch (3)

Montag, 16. November 2015 | von Bellarminius

Es war schon ziemlich früh geworden und ich war mir sicher, daß draußen bereits die erste Amsel zu hören war – der Tabak war leer und gerade war zwischen mir und Simon eine Stille eingekehrt, während der wir beide merkten, daß unsere jeweils vertretenen Positionen nicht sonderlich originell waren, wir den anderen zu oft unnötigerweise unterbrochen, im eigenen sophistischen Rausch nicht zugehört oder zumindest nicht sehr gut argumentiert; kurz, daß wir ziemlichen Blödsinn geredet hatten. Um die Stille zumindest physisch etwas aufzulockern, beschloß ich, Simon mit einigen Extra-Slim-Zigarettenfiltern zu bewerfen. Da leuchtete es plötzlich in seinen Augen und er rief: » – Augstein!«. Ich sah ihn verwundert an, dachte nach und sagte dann »aber er ist doch auf Sylt«. Wir erhoben uns vom Tresen und Simon warf noch eine Münze für Così fan tutte in die Jukebox, dann gingen wir nachhause.

Briefwechsel zur Einheit

Freitag, 16. Oktober 2015 | von Bellarminius

Die Deutschlandfahnen sind wieder eingepackt, der 25. Jahrestag der Einheit ist vorüber. Dieser Briefwechsel vom 7. bis 13. Oktober begann als Antwort auf einen Blogartikel. Dieser Artikel (»25«) kommentierte eine Podiumsdiskussion zur Wiedervereinigung im Goethe-Institut zu Paris. Am Anfang des Briefwechsels stand die Frage danach, welche Bilanz nach 25 Jahren Einheit gezogen werden kann. Viel diskutiert wurden die ostdeutschen Perspektiven auf die Zeit vor, nach und im Jahr 1990, und die damit zusammenhängende Kernfrage: Wie soll an diese Jahre erinnert werden? Wie es gute Dialoge an sich haben, franste die Diskussion aus und griff auch grundsätzlichere historische Probleme, John Oliver sowie das leidige Thema einer deutschen Identität auf.

Beide Briefpartner haben die Mauer nicht mehr gesehen. Gabriel de Guilleragues ist in Dresden, Erfurt und Meißen aufgewachsen, Bellarmin nahe Ulm und Chemnitz. Derzeit studiert Bellarmin in Paris und de Guilleragues schreibt in Heidelberg an seiner Dissertation.

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Am 07.10.2015 um 10:16 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Lieber Bellarmin, Deinem Fazit stimme ich übrigens in keiner Weise zu; aber das wusstest Du vielleicht schon. Ist es nicht ein billiger Ausweg, am Ende die Generationenkeule zu schwingen und die divergierenden, oftmals erfahrungsgesättigten Haltungen zur Wende damit zu Pubertätsproblemen der Einheit zu degradieren? Diese Interpretation erscheint mir aber nicht nur billig, sondern auch falsch und geradezu gefährlich – und dafür lieferst Du selbst Argumente. Da ist der ostdeutsche Blick, den Christoph Links einbrachte, gerade für die Generation seiner Tochter, die vermutlich auch unsere ist. Vor allem ist da die Generation der damals um die 50-Jährigen, die ihre Enttäuschung auf unterschiedliche Weise verarbeiten – auf diese Leerstelle in der Diskussion weist Du hin, aber sie hat letztlich kein Gewicht, und das ist in meinen Augen der Fehler. Denn diese Enttäuschung ist wirkmächtig, und längst nicht nur in dieser einen Generation. So viele sind enttäuscht worden; das mit einem dahingeworfenen that’s history abzutun, finde ich bemerkenswert kalt und wiederum: gefährlich. Denn diese Generation und diese Leute sind nicht verloren im Sinne von weg, sie sind da, und man kann sie auffangen, zumindest ein bisschen, nämlich narrativ. Gerade der ganze Jubiläums-Klimbim verweigert ihnen jedoch genau das – ihren Platz im Narrativ. Im Übrigen gibt es meiner Einschätzung nach auch in der jüngeren Generation genug Leute, für die die DDR auf keinen Fall so weit weg ist wie der Dreißigjährige Krieg, um nicht von der Nachwendezeit zu sprechen, die mehr als genug trennende Erfahrungen bereithielt. Diese Erfahrungsräume und Stimmungen nicht anzuerkennen, als temporär abzutun oder einfach zu ignorieren, wird sie nur verstärken, und mit dieser Strategie wird man das Ende des Ost-West-Gegensatzes noch hundert Jahre lang folgenlos verkünden.

Herzlich, G.

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Am 07.10.2015 um 19:18 schrieb Bellarmin:

Lieber Gabriel, danke für die ausführliche Antwort. Ja, ich habe mir gedacht, dass du nicht das Fazit teilst. Es war auch, wie du sicherlich gemerkt hast, eher aus Affekt gegen die Teilnahmslosigkeit von Links und Hein geschrieben, die genau deine Meinung pointiert und scharf hätten vertreten sollen. Haben sie aber nicht, denn sie waren ebenso wie der Rest im Einheitstaumel und hatten de Maizière kein eigenes Narrativ entgegenzusetzen, haben ihn nicht einmal angegriffen. Da ich Texte, die in FAZ-Manier so tun, als ob die Diskussionsteilnehmer ein Drittel der Intelligenz des Autors besitzen, gerade etwas satt habe, habe ich mich auf seine Seite geschlagen.

Natürlich gibt es eine westdeutsche Eitelkeit, eine Attitüde nur die verlängerte BRD als das wahre Deutschland zu zählen und die DDR mit Wehler zur »Fußnote der Geschichte« (wogegen sich de Maizière übrigens wehrte) zu erklären, die uns beide nervt. Aber zugegebenermaßen gibt es auch genug ehemalige DDR-Bürger, die es ihnen zu einfach machen. Wie soll denn das Narrativ aussehen, dass eine ostdeutsche Perspektive einbindet? »Hallo beigetretener Staat, ihr hattet echt eine tolle Kultur und privat ging’s euch sicher auch nicht so schlecht?« Wenn, dann muss eine solche Stimme selbst aus dem Osten selbst kommen, und es gibt diese Stimmen (Links sprach von ihnen), z. B. eben Richter und Fischer, die klüger sind als ihre westdeutschen Pendants, nur sind sie zu leise. Das Anti-Beispiel ist der Freiheits-Gauck, der immer noch nicht verstanden hat, dass er ein politisches Amt übernommen hat, in dem übertriebene Freiheits- und Glücks-Rhetorik nur eines ist, nämlich verdächtig (besonders wenn sie in Praxisdissonanz etwa mit seinen Äußerungen zur NSA bei Ausbruch der Affäre steht).

In einem unheimlich schlechten Spiegel-Essay steht diese Woche, was den mehrheitlichen Ossi integriert habe (Spiegel eigentlich wegen Botho Strauß gekauft; zwar auch insgesamt grauslig, aber immerhin mit spannenden Passagen): die Kinder des Autors als geschminkte Deutschland-Fans und der ›Titan Kahn‹ der Fußballweltmeisterschaft, die ostdeutsche Pfarrerstocher als Kanzlerin und die Fokussierung auf regionalen Identitäten: nicht Ost–West, sondern Thüringen, Sachsen, Ostfriesland.

Die politischen und ökonomischen Fehler im Laufe der Wiedervereinigung werden bei so einer Nationalfeiertagsbeweihräucherung natürlich nicht gern genannt. Die ›Strukturschwäche‹ des Ostens (nicht Fehler der Wiedervereinigung, sondern der DDR!) ist das Problem, die Bräsigkeit des Ostens ist das Problem. Sie müssen angegangen werden, denn sie sind die Hauptfaktoren, die die Leute in die Radikalität und erneute Enttäuschung führen. Ich glaube, vergangene Enttäuschungen spielen zumindest in unserer Generation eine geringere Rolle (auf Gegenbeispiele bin ich gespannt!), deswegen auch die Zustimmung zum Generationenargument.

Schön übrigens, dass Richter langsam wieder zu alter Form aufläuft.

Ich war heute in der Assemblée, vielleicht werde ich dazu auch noch einige Zeilen aus mir wringen, B.

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Am 09.10.2015 um 14:53 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Ebenso danke! Der Spiegel, wirklich? Natürlich war er grauselig. Was denkst Du denn über die genannten Identifikationsangebote? Angela ist für mich nicht ostdeutsch, wobei ich mal gelesen habe, dass sie auf Veranstaltungen in Ostdeutschland diese Komponente herauskehrt. Ja, Fußballbla, ein bisschen was ist da sicher dran, aber was heißt das schon? Man denke nur an die momentane Dritte Liga. In der Berichterstattung geht es andauernd um die ostdeutsche Hälfte und ob sie Ausdruck oder Katalysator einer neuen/alten ostdeutschen Identität sei; und wenn ostdeutsche Vereine gegeneinander spielen, wird die bisherige Bilanz der Ostderbys der Vereine analysiert. – Die emotionale Verbindung zu den Bundesländern ist in der Tat recht ausgeprägt, aber da Thüringen, Sachsen etc. nun bekanntermaßen in Ostdeutschland liegen, schließt das ja keineswegs aus, dass auch das ein Teil dieser regionalen Identität ist, und so scheint es mir auch zu sein.

Die Frage nach dem Narrativ ist natürlich ein Kernproblem, und ich tue mich schwer damit. In jedem Fall muss es entwickelt werden, und dafür braucht man nicht nur lautere Stimmen, sondern auch Zuhörer, Resonanzraum, Reaktionen. Vielleicht ist der Haken, dass es eigentlich mindestens drei Auseinandersetzungen bräuchte: unter denen, die die DDR-Zeit (erwachsen) miterlebt haben, mit ihren Kindern, und dann auch noch gesamtdeutsch. Denn ostdeutschen Enttäuschten ist noch viel mehr vorzuwerfen als nur, dass sie leise sind. Was ist mit einer kritischen Auseinandersetzung ihrer eigenen Rolle? An vielen Stellen, an denen ich mich umsehe, sehe ich das nicht, und da bin ich ganz bei den 68ern, dass das kein Zustand ist. Nur dass ich mich selbst so vor Auseinandersetzungen scheue, dass ich es nicht mal zu Hause umsetze. Ich habe den Eindruck, dass es mal (intellektuell) krachen muss. Viele Westdeutsche müssen auch dringend ihren Interpretationshorizont erweitern, der aus mehr besteht als den Polen Stasi – Ostalgie. Das Instrumentarium gibt es meiner Meinung nach noch nicht, auch wenn ich bei der Zdf-Sendung mit Chris Clark, die letzte Woche ausgestrahlt wurde, sehr glücklich darüber war, für wie viele Ambivalenzen Platz war. Das hätte ich dem Zdf niemals zugetraut.

Jetzt habe ich mich verrannt. Ich sehe da noch einiges mehr. Was man allen Beteiligten zugutehalten sollte, ist, dass die Situation sehr speziell ist. 40+ Jahre verschiedener Erfahrungsräume zu überwinden ist kein Leichtes, wenn man gleichzeitig an so etwas wie Einheit glauben möchte. Ich will auch keineswegs jemandem vorwerfen, dass er von der Wende nichts mitbekommen hat, das wäre verlogen und absurd. Dennoch: Was hilft es, wenn Westdeutsche die DDR korrekt als Diktatur und Unrechtsstaat bezeichnen können? Wissen sie deswegen, was es heißt, in einem/r solchen zu leben? Haben sie mal danach gefragt? Meistens ist die Antwort Nein, und zudem scheint sich das Interesse sehr in Grenzen zu halten. Allein diese Rahmenbedingungen schränken die Möglichkeiten zur inner-ostdeutschen Auseinandersetzung ein, weil sie von so vielen historisch Unbeteiligten beobachtet werden würde, die ja irgendwie doch auf der richtigen Seite der Geschichte waren und sind. Wenn man ohnehin viele Vorurteile und Vorbehalte hat, will man sich da diese Blöße geben, darüber zu reden, was eine Diktatur mit einem macht?

In meinen Augen müssen die ›Strukturprobleme‹ noch anders eingeordnet werden, auch wenn sie natürlich ihre Ursache in der DDR-Wirtschaft haben, keine Frage. Ihre heutige Gestalt haben sie durchaus durch die Wiedervereinigung erhalten, aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um das Verhältnis von Erwartung, Erfahrung und Enttäuschung, und einem kritischen Bewusstsein dafür, dass der Kalte Krieg nicht nur von der kommunistisch-sozialistischen Seite geführt wurde. Die Enttäuschung ergibt sich nämlich ebenso aus der Fallhöhe, die durch kapitalistische Propaganda hervorgerufen wurde. Ich würde da gar nicht bei Kohl anfangen, sondern viel früher. Es kann doch ein Blinder mit Krückstock sehen, dass es Tränen gibt, wenn man Wohlstand für alle verspricht und es dann nicht einlösen kann. In diesem Sinne ist der sozialmarktwirtschaftliche Kapitalismus das dritte Heilsversprechen innerhalb von siebzig Jahren, das in Ostdeutschland gescheitert ist. (Der gleiche Blinde mit Krückstock hätte auch wissen können, dass die wirtschaftliche Wiedervereinigung nicht mal so locker vom Hocker funktionieren wird und dass es viel Geld und Zeit kosten wird; trotzdem dürfen Seehofer und Konsorten vielfach unwidersprochen dagegen pöbeln, dass in den Osten Geld investiert wird.)

Vielleicht kann man bei diesen Fragen mit dem Narrativ anfangen, und auch mit der Auseinandersetzung. Denn der typische ostalgische Ostdeutsche spielt gern politische Freiheit gegen wirtschaftliche Sicherheit bzw. Wohlstand aus, und man muss die sozialen Vorstellungen dieser Ostdeutschen verstehen, um ihre Ablehnung nachzuvollziehen (nicht: zu entschuldigen). Denn das ist eine Komponente, die in der Bezeichnung Diktatur untergeht, und die mir ungemein wirkmächtig erscheint – das sage ich, weil ich familiär so viel damit terrorisiert werde. Umgekehrt kann man dann zu Recht danach fragen, warum diese Menschen politische Freiheit so idiotisch wenig wertschätzen, eine sehr überfällige Frage.

Vielleicht ist das der Hintergrund für Gaucks-Freiheitsrhetorik? Nicht, dass es sie besser macht, oder ihn weniger inkonsistent.

Und finally, das Generationenargument. Just in diesem Moment, in meinem Heidelberger Lieblingscafé sitzend (stilvoll, ästhetisch an der herrlichen langen Fensterfront ausgerichtet, an der ich an der Theke nach außen sitze; es gibt hier Le Monde, aber nicht die FAZ), finde ich den Haken: die Perspektive. Natürlich spielen viele Enttäuschungen eine geringere Rolle, keine Frage. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass sie tatsächlich eine geringe Rolle spielen. Natürlich haben die Gegensätze seit 1989 abgenommen, aber es ist auch wirklich nicht schwer, sich näher zu sein als zu Zeiten einer weltanschaulichen Systemkonfrontation, also ehrlich. Abgesehen davon haucht mich im ostdeutschen Familien-Freundes-Kreis oft eine ordentliche Portion Kalter Krieg an. Ich habe durchaus den Eindruck, einiges darüber aus Erfahrung (!) zu wissen, was Systemkonfrontation heißt. Es gibt noch parallele Welten, alternative Geschichtsbilder, und die sind um einiges radikaler als das, was ein Peter Richter in der FAZ schreibt (I am guessing here…). Ich bin kein Fan dieser Deutungen, aber ich fühle mich auch nicht integriert in einem Land, in dem oft genug nicht nur die DDR-Zeit und mit ihre alle, für die sie trotz allem Erfahrung und Heimat war, als Fußnote abgetan werden, sondern auch die Nachwendeerfahrungen derselben Menschen. Das ist meine Familie, und wenn sie keinen Platz hier hat, und man einfach darauf wartet, dass diese Störenfriede sterben, damit man sich um sie keine Gedanken mehr machen muss, dann verzichte ich dankend auf meinen Platz in dieser vereinigten Gesellschaft.

In unserer Generation sind es auch weniger die konkret erlebten Enttäuschungen, die eine Rolle spielen, sondern eher, wie sie an unsere Generation weitervermittelt wurden. Der Unterschied zwischen Ost und West gehört da dazu, meine ich – wenn Eltern darüber klagen, dass ›unsere‹ Arbeit weniger wert ist, wenn es von den Bundesländern Rückkehrprogramme gibt, wenn man nach sieben Jahren im Süden als Westdeutscher bezeichnet wird, und das ganze unterschwellige Rumgepöbel, genauso die Unterhaltungen auf Familienfesten, wie schlecht man nach der Wende von Westdeutschen behandelt worden sei (leider ein wiederkehrender Topos), oder wie man zu DDR-Zeiten Sachen zum Bauen herbeigeschafft hat; um nicht von dem Vorwurf zu reden, dass die BRD (verächtlich hervorgestoßene Buchstaben) auf dem rechten Auge blind sei, am besten mit dem Nachsatz, dass diese Leute einem auch noch vorschreiben wollen, wie Vergangenheitsbewältigung aussieht. Davon mag inhaltlich gar nicht so viel weitergegeben werden, aber der Gegensatz wird fortgeschrieben.

Noch eine Fußnote: Für mich ist die Zeit vor 1989 weit weg, aber die BRD ist dabei um einiges weiter entfernt als die DDR.

Über den verlinkten Richter-Artikel bin ich froh, denn ich habe über dieses Phänomen mit größter Unruhe gelesen. Ist Sprache eigentlich immer so umkämpft? Ich habe den Eindruck, es geht gerade hoch her, mit den ganzen Krisen und -Kritikern, Negern und natürlich dem Ausnahmezustand!

Hab‘ hoffentlich genesen einen guten Tag, G.

*

Am 10.10.2015 um 04:76 schrieb Bellarmin:

Guten Morgen. Ich habe vieles besser verstanden mit deinem Text.

In puncto Wende: Ja, darin zeigt sich eben auch die unterschiedliche Perspektive von uns beiden. Ich habe schließlich keinen näheren Verwandten, der die DDR miterlebt hat; nur eine Großmutter, die von diesem Staat 45/46 beraubt wurde, was sie nie vergessen hat. Meine ›Diktatur-Diskussionen‹ spielten sich deswegen mit Mitschülern und Lehrern ab. Ich kenne die DDR vielleicht sogar am besten durch die Oral History des geschätzten Frank Rieger (Wostkinder, CRE). Besonders ersteres Interview ist interessant, schon der Altersunterschied von drei Jahren generiert einen riesigen Erfahrungsunterschied zwischen Constanze und Frank. (Um Min. 40 geht es um den Hitler-Stalin-Pakt.) Frank spricht etwa von der Abscheu, als er die Bilder der Einheitsbetrunkenen am 9. November sah. Eine Position, die bei weitem nicht die Mehrheit repräsentiert, wie der März 1990 zeigte, aber wie spannend, dass es sie gab! Oder sind diese Wahl der CDU und die Kohl-Begeisterung als Einheitszeichen einfach falsch gedeutet?

Ich denke du hast Recht, die DDR-Enttäuschungsweitergabe habe ich unterschätzt. Deine Erfahrungen von Familienfesten kann ich mir lebendigst vorstellen. Schön, dass du die fehlende Diskussion erwähnst. Aber wir haben das schon mit dem Dritten Reich erlebt, ›Aufarbeitung‹ ist ein Unwort; das ist bei der alten Generation zu großen Teilen illusionär. Volle Zustimmung, dass Westdeutsche es sich zu einfach machen, siehe die Diskussion ›Unrechtsstaat‹, die du sehr prägnant und richtig abhakst. Aber trotzdem, die DDR-Position, bei Clark die Frau in Hoyerswerda, besonders die Verklärung des Gemeinschaftsgefühls, mit dem du ebenfalls terrorisiert wurdest – keine Frage ich war nicht dabei, aber ich finde das unmöglich: ein Gemeinschaftsgefühl, das auf stets über Hunderttausend IMs basiert, wundervoll! Das ist intellektuell doch einfach nur beleidigend. Und wer war wohl blinder und verschwiegener als das DDR-Regime in Sachen Rechtsradikalismus; ohne die Schande des Verfassungsschutzes und der Bundesregierung, vor allem K. Schröder, bis zum NSU hin zu negieren. Hast du den Turm, Weißensee gesehen? Ich nicht intensiv, aber dort wird ja auch versucht, eine etwas andere Alltagsgeschichte der DDR zu erzählen.

Zum Thema Identifikation. Die drei genannten Varianten sind für mich unbefriedigend, aber in meiner Vorstellung lässt sich da auch nicht etwas Mehrheitsfähiges bauen. Interessant ist, dass von konservativer Seite diese Fragen wieder gestellt werden, bzw. bedauert wird, dass sie nicht schon früher gestellt wurden. Und tatsächlich war es eines der Dinge, die Valéry am deutlichsten in Konstanz bemerkte: Es gibt so etwas wie eine Identität in Deutschland nicht, sondern nur einige traurige Bismarck-Türme; allein aus einer NS-Gedenkkultur, so wichtig sie ist, lässt sie sich nicht generieren. Safranski und Strauß werden tatsächlich zu leicht von vielen abgetan, denn sie sagen: Das Problem ist, dass wir keine solche Debatte hatten. Mosebach hat sich jetzt ja auch zu Strauß geäußert und ging auf die tatsächlich interessanten Teile von ihm ein, wenn ich ihm auch nicht ganz zustimme. Denn das Gerede von einer »Reichsbeschwichtigungsbehörde« ist blödsinnig, am ehesten ein performativer Widerspruch. Auch ich finde am meisten über Sprache und Literatur einen Zugang zu etwas Deutschem, aber natürlich: Auch diese Autoren waren nicht zuerst Deutsche, sie sind nicht auf ein Subjekt zu reduzieren. Nicht nur bei Bernhard und Kafka merkt man doch in welche Richtung wir gehen müssen, nämlich in die, die Brandt 1971 nannte: »Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst und den aufbauenden Kräften seiner Geschichte. Unser Europa, aus der Erfahrung von Leiden und Scheitern geboren, ist der bindende Auftrag der Vernunft.«

Übrigens interessant, dass dieser Gedanke, wenn auch größtmöglich trivialisiert, ebenso bei Clark am Ende steht. Ich bin immer noch mit vielem nicht einverstanden: 1. die Musikuntermalung, fürchterlich, wirklich; 2. ein deutscher Zug als Leitmotiv einer Sendung mit einem germanophilen Normalitätsfazit, honi soit qui mal y pense…; 3. dass eben doch eine Erfolgsgeschichte geschrieben wird; 4. das Fußballnarrativ. Ich habe dagegen eine Ablehnung und finde diese Versammlungen immer und immer mehr abstoßend: ›Sommermärchenhass‹. Aber du hast Recht, es gibt Zwischenklänge und immerhin ein ›Sowohl als auch‹, wenn es auch nicht ganz am Ende steht. Auch gut, dass Clark tatsächlich versucht in Dresden auf der Straße mit den Menschen zu reden, ich mag ihn.

Ad Sprache und Richter. Interessant, dass du das auch bemerkt hast. Besonders frappierend vor einigen Monaten in der Flüchtlingsdiskussion. Da wird in Zeitungsartikeln um einzelne Worte gestritten, wirklich! Zum Beispiel über ›Flüchtlingsstrom‹ und ›Asylkritiker‹, das kannte ich zuvor auch nicht.

Allgemein: Natürlich gibt Kosellecks Verzeitlichungsmethode ein mächtiges analytisches Instrument in der Hand, aber man kann danach nicht politisch handeln, denn sie würde das Handeln lähmen und jedes Risiko, das auch positiv sein kann!, ja gerade das Wesen der Politik ist, verhindern. Das wäre fatal, davon bin ich mehr und mehr überzeugt. So ein Risiko ging Kohl eben 1990 ein, um eine deutsche Einheit zu erreichen, glaube ich.

Gesegnete Ruhetage, B.

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Am 12.10.2015 um 18:06 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Bonsoir. Mh, naja, was ist eigentlich ein Einheitszeichen? Mit Blick auf die Wahl der CDU und die Begeisterung für Kohl wäre meine Vermutung, dass das ein Zeichen von ehrlichem Optimismus war; kein Sinnbild für eine mental vollzogene, sondern für eine emotional erhoffte Einheit.

Sehr wichtig ist auch die Beobachtung, dass es ganz andere Interpretationen der Mauerfallbilder gab! Geht es denn überhaupt darum, die Mehrheit zu definieren? Solche Bilder und Erzählungen sind doch immer sehr trügerisch, es gehen ja nie alle auf die Straße, und selbst die, die hingehen, müssen nicht dieselben Beweggründe haben. Meine Eltern erzählten mir, dass sie bewusst nicht zu Demonstrationen gegangen sind, dass sie das alles traurig und skeptisch gestimmt hat, auch wenn sie noch hofften, dass es einen Dritten Weg geben würde. Diese Vorstellung scheint gar nicht so wenig verbreitet gewesen zu sein. Letztlich war es offensichtlich keine Mehrheit, aber die Enttäuschung über diese vertane Chance, die profunde Ent-Täuschung über das Wesen des Menschen, der lieber versprochenen Wohlstand als die verheißene sozial gerechte Utopie wählt, die sitzt tief. Es gibt Menschen, die durch die Einheit ihre Zukunft verloren haben. Denn es gibt genug ehemalige DDR-Bürger, da bin ich mir sehr sicher, die keineswegs davon überzeugt sind, dass Sozialismus nur mit Terror zu haben ist. Argumentativ vom Gegenteil zu überzeugen sind sie vermutlich nicht, da wirkt doch noch die Propaganda nach.

Ach Bellarmin, Deinem Intellekt würde ich ein bisschen Phantasie verordnen. Wobei ich absolut nachvollziehe, wieso Du in dieser Weise auf die Hoyerswerda-Frau reagierst – für mich waren da einige Momente des Fremdschämens dabei. Dennoch war ich froh um ihre Perspektive, und ich denke nicht, dass sie intellektuell beleidigend ist. Wie kannst Du denn glauben, dass sich Stasi und Gemeinschaftsgefühl unbedingt ausschließen müssen? Die Gemeinschaft bestand doch nicht aus allen DDR-Bürgern, sondern aus Familie, Freunden, Nachbarschaft, Kollegen. Auf diese Netzwerke war man angewiesen, man hat sich arrangiert, getauscht, informiert, geholfen. Natürlich (!) reflektieren die Nostalgiker dabei nicht, dass das ein unter den Umständen absolut rationales Verhalten war und keineswegs darauf zurückzuführen ist, dass da nur tugendhafte Menschen herumliefen. Dennoch ist das offenbar ein lebensweltlicher Kontrast, der vielen aufgefallen ist, ohne dass sie analytisch erkennen können, auf welchen Zwangs- und Mangelstrukturen dieses Gemeinschaftsgefühl beruhte. Besonders schlecht können das vermutlich diejenigen erkennen, die auch heute materiell nicht gut dastehen, sich aber nun alleingelassen fühlen (und vermutlich die sozialistische Beschäftigungstherapie der Arbeitslosigkeit vorziehen).

Ich weiß nicht, ob Du Dir ein Bild davon machst, in welchem Maße sich DDR-Bürger arrangiert haben bzw. das Gefühl hatten, das System verstehen und umgehen zu können. Meine Eltern behaupten beispielsweise gern, dass sie ja ohnehin wussten, wer bei der Stasi war, und dann hat man dem halt nichts erzählt. Ich nehme das nicht völlig ernst, denn das sind immerhin dieselben Menschen, die keinen Sinn darin erkennen können, sich ihre Stasi-Akte anzusehen. Aber man kann nicht jahrzehntelang in einer Diktatur leben und nicht irgendwelche Mechanismen und Maßstäbe entwickeln. Man hat trotzdem Menschen vertraut, man hat Mach- und Sagbarkeitsregeln entworfen und sie seinen Kindern eingebläut. Selbstverständlich machte all das ein bisschen paranoid, genauso wie Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl nur unter bestimmten Bedingungen möglich war, aber genauso ist es anmaßend, solche Erfahrungskategorien intellektuell für absurd zu befinden. That’s not how life works. Bisher habe ich mir weder den Turm noch Weißensee zu Gemüte geführt; beim Turm habe ich es aber noch vor. Ist Weißensee nicht auch eine Stasi-Geschichte?

Identifikation. Das Mosebach-Interview enthielt einige spannende Schlaglichter. Ich weiß auch nicht. Aus meinen Überlegungen kann man sicher nichts Mehrfähiges entwickeln. Dennoch wäre es ein Fortschritt, erstmal zu inventarisieren, darüber zu reden, womit und mit welchen Menschen und Vorstellungen wir es eigentlich zu tun haben. Dann können wir uns streiten, und wer weiß, vielleicht wäre das sogar produktiv. Aber es gibt momentan keine richtige Streitkultur, oder? Die als wichtig erachteten Themen werden ja meist schnell moralisch eingetütet und abgeschnürt. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ein bisschen Würze in die Streitkultur gehört, dann muss es schon arg breiig und fad geworden sein. – Am wohlsten fühle ich mich im Ausland, wenn ich nicht den Druck fühle, eine geteilte Identität finden zu müssen. Bemerkenswert bzw. symptomatisch scheint mir zu sein, dass diese identifikatorische Leerstelle immer mehr mit Schlagwörtern und Parolen überdeckt wird. (Zum Beispiel Deutschsein als Bier, Wurst, Fußball, also die vulgärmünchner Variante.) Das hat doch Konjunktur in den letzten Jahren. Und Sommermärchenhass, wunderbar. Mein Verhältnis zur deutschen Sprache und Literatur ist nicht sonderlich durchdacht, dafür umso emotionaler besetzt. Ich vermute, wir halten es damit ähnlich. Ich musste auch gleich wieder an ein Zitat aus dem neuen MacGregor-Buch denken: »Ich bin auch als amerikanischer Staatsangehöriger ein deutscher Schriftsteller geblieben, treu der deutschen Sprache, die ich als meine wahre Heimat betrachte.« Darauf würde es bei mir vermutlich auch hinauslaufen (minus amerikanische Staatsbürgerschaft).

Zu Chris Clark habe ich eigentlich nicht mehr hinzuzufügen. Die Musik habe ich ähnlich eingeschätzt, ebenso das (Normalitäts-)Fazit. Und irgendwie hast Du natürlich auch Recht, dass letztlich eine Erfolgsgeschichte geschrieben wurde, aber ich fürchte, anders kann es im Öffentlich-Rechtlichen dann doch nicht zugehen. Dennoch funktioniert die Bezeichnung Erfolgsgeschichte nur begrenzt, zumindest in meinen Augen. Nach all den Facetten nur auf den Erfolg abzuheben, greift einfach zu kurz.

Sprache: Im englischsprachigen Raum gibt es ebenfalls kritische Einwürfe dazu, wie über die, äh, Flüchtlingskrise gesprochen wird (vom zuverlässig-klug-humanistischen John Oliver).

Welche Rolle kann/sollte denn Geschichte für Dich im öffentlich-politischen Raum spielen? Mir erscheint das kritische Begleiten gegenwärtiger Entwicklungen und Probleme durch historische Perspektiven eine perspektiverweiternde Übung zu sein, von der manche Diskussionen profitieren können, aber ich bin ja auch Historikerin… Grundsätzlich muss aber historisch unterrichteter Rat keineswegs risiko-avers sein. Momentan könnte man genauso gut eine Lanze brechen für die Alternativen zur Alternativlosigkeit, für den Willen zur Gestaltung. Aber ich träume.

In der Hoffnung, dass Du das Wochenende gesund und mit neuen Eindrücken verbracht hast,
Lg. G.

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Am 13.10.2015 um 06:12 schrieb Bellarmin:

Deine Ansichten zu DDR und 1990 wieder beeindruckend. Tatsächlich habe ich wenig Phantasie, aber ich würde hier eher von Einfühlungsvermögen sprechen, zu dem ich tatsächlich nicht in der Lage bin. Du schilderst mein Problem in einem Satz sehr gut: »Dennoch ist das offenbar ein lebensweltlicher Kontrast, der vielen aufgefallen ist, ohne dass sie analytisch erkennen können, auf welchen Zwangs- und Mangelstrukturen dieses Gemeinschaftsgefühl beruhte.« Trotzdem meinst du, dass diese Menschen zeitgebundener Weise sich darin wohl fühlen konnten. Die Debatte erinnert mich etwas an die Diskussion zwischen Winkler und Baberowski im JMEH über Russland. Baberowski meint dort ja auch, dass es notwendig ist, zu verstehen, warum Russland so handelt und Winkler antwortet mit einem bissigen Bonmot darauf, dass ich leider nicht parat habe. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben als Historiker zwischen Einfühlung und Distanz zu balancieren. Ich habe eine distanziertere Sicht als du, weil 1. ich die elterliche Verbindung nicht habe, 2. ein Verklärungselement im Spiel ist, dass du ebenfalls benennst, 3. ich gegen jede Form von Gemeinschaft ein großes Misstrauen hege. Die danach artikulierte Sehnsucht, die ich erweiterten Freundeskreis immer wieder höre, finde ich höchst befremdlich, ja gefährlich. Solche Menschen sind ungeheuer leicht zu manipulieren.

(Parenthèse: Dieses Gefühl wird vor allem durch den Fußball derzeit aufgefangen, wie auch die Kanzlerin schnell erkannt hat. Dort darf der Familienvater wieder Kind sein, nationalistisch und Gemeinschaft erfahren. Ich finde das gar nicht so übel, denn es gibt bei weitem schlimmere Alternativen).

Deswegen schon allein fehlt mir das Verständnis für diese Erzählung. Ein ›Gemeinschaftsgefühl‹ nach DDR-Art wäre für mich eine Belastung gewesen und kein Gewinn. Dass es nun eben dieser Frau aus Hoyerswerda fehlt kann ich akzeptieren, aber eben auch nicht mehr.

Ich habe in puncto Streitkultur das Gefühl, dass dort gerade wieder etwas erwacht, nach tatsächlich längerem Schlummer. Ich war gestern sehr lange mit Valéry unterwegs. Das Fazit war: Wir leben in hochspannenden Zeiten und zwar besonders auf europäischer Ebene.

Foucault unterscheidet in seinen Volesungen Il faut défendre la socété  zwischen u. a. einem philosophisch-rechtlichen (Hobbes) und einem historisch-politischen Diskurs (Boullainvilliers) in der Politik und versucht für Letzteren eine Lanze zu brechen. In seiner Argumentation sieht man aber auch, wie gefährlich das historische Denken ist. Heutzutage führt Putin es uns vor. Deswegen finde ich es korrekt, dass die History-Manifesto-Schreiber selbst ihren Anspruch relativieren. Ich teile deine Meinung.

Ad Risiko: Ich glaube eben, dass eine Politik, die Enttäuschungen explizit vermeiden möchte, gar keine Politik, sprich die »gute Leitung einer polis« ist. Auch die Flüchtlingserzählung von »notwendigen Arbeitskräften« etc., die sich als Enttäuschung herausstellen wird, war denke ich, in gewisser Weise notwendig, um diese Politik überhaupt zu ermöglichen.

Ich mag John Oliver nicht sonderlich. Ich denke das hängt mit meinem Kulturpessimismus zusammen, dass Politik heute für ein junges Publikum nur noch in so einem Unterhaltungsformat vermittelt werden kann und natürlich auch, dass ich seine politischen Ansichten nicht immer teile, die er aber, mit Ironie und grellem Humor gewappnet, als die einzig Vernünftigen ausgibt (ähnliche Ablehnung gegenüber jeglichem politischen Kabarett, am schlimmsten Rether und Pispers). Warum mich das bei Oliver noch eher nervt als bei Stewart? Ich glaube, weil Stewart liberaler ist und Abstrusitäten nicht immer so brutalistisch moralisch geframet hat wie Oliver, sondern sie für sich selbst sprechen ließ.

Aus der Salle de Romilly grüßt herzlich B.

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Am 13.10.2015 um 14:92 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Den Unterschied zwischen Baberowski und Winkler bringst Du gut auf den Punkt. Das ist nicht nur, aber auch eine generelle Einstellungsfrage, oder? Ich bin des Öfteren skeptisch, was Baberowski angeht. Letztlich teile ich jedoch seine Herangehensweise, und ich halte das auch für eine Frage des Naturells und des Charakters. Hast Du Per Leo gelesen? Ich bisher nur die ersten Kapitel, weil das Buch danach aus meinem Zugriffsbereich verschwand, aber ich fand die Gedanken zu Herberts Best-Biographie sehr spannend, also dass jede Biographie zuerst auch eine Beschreibung des Biographen ist. Und das gilt sicher nicht nur für Biographien.

Zu Deinen Gründen für Deine distanziertere Sicht: 1. einleuchtend, natürlich; 2. eigentlich kein eigener Punkt; 3. darin unterscheiden wir uns nicht (oder wenn, dann in der Intensität). Ich würde einen anderen Begriff als Balance verwenden, weil das einen statischen Punkt des Gleichgewichts impliziert. In meinen Augen liegt die Herausforderung darin, zwischen den Ebenen der Einfühlung und der Analyse/Bewertung (denn was für eine historische Operation soll Distanz eigentlich sein?) wechseln zu können, weil eine ohne die andere nicht viel wert ist. Ohne Einfühlungsvermögen wird man auf einer menschlichen Ebene immer ungerecht bleiben und spielt den Vorteil des Nachgeborenen in unfairer Weise aus. Insofern finde ich es lohnenswert, sein Einfühlungsvermögen zu schulen. Oder möchtest Du mir mit oder ohne Winkler widersprechen?

Übrigens spreche ich in diesen Dingen durchaus nicht als Historikerin, wobei ich mir damit irgendwie widerspreche, denn ich glaube, dass mein ganzes Nachdenken inzwischen historisch geschult ist (eine wunderschöne Entdeckung der ersten Studienjahre).

(Parenthèse zum Gemeinschaftsgefühl im Fußball: Ich gehöre eher zu denjenigen, die auch diese Form des Nationalismus und der Identitäts-Ekstase skeptisch betrachten. Gerade deswegen gehe ich seit einiger Zeit immer wieder gern ins Stadion, die Sogwirkung ist wirklich faszinierend. Was ist aber, wenn die eigentlich inhaltsleeren und völlig willkürlichen Fußballpraktiken mit Inhalten und anderen Abgrenzungen zusammenkommen?)

Hoyerswerda-Frau: Akzeptanz ist viel wert, und oft kann man auch nicht mehr verlangen, dazu sind viele Sichtweisen zu abstrus. Es lässt sich nur so schlecht mit Menschen umgehen, wenn im Kopf der Banner »abstrus – abstrus – abstrus« läuft.

Zum Risiko: Auf jeden Fall, Enttäuschung muss dazugehören. Ich frage mich jedoch, ob nicht der Fehler noch tiefer liegt: Warum tun wir – Bürger, Politiker – denn so, als ob Politik und gesellschaftlicher Wandel ohne Enttäuschung abgehen könnte? Vielleicht ist das naiv, aber erwachsene Menschen sollten doch mit realistischen Perspektiven am besten umgehen können. Diese Flüchtlingserzählung, die Du erwähnst, finde ich wiederum strohdoof und gefährlich. Es mag sein, ich fürchte es fast, dass sie notwendig war, aber sie geht doch völlig am Problem vorbei.

Nur kurz ein Wort zu John Oliver und Jon Stewart, bei denen wir uns offenbar nicht einig sind. Mir wäre bisher nicht aufgefallen, dass Stewart liberaler war als Oliver. Aber ich sehe ein, dass Olivers Art moralisierend-besserwisserisch ist, aber ich gebe ihm da im Zweifelsfall den benefit of the doubt, dass er schon das Richtige meint. Und doch noch zwei Dinge: Ist John Oliver nicht eher das Symptom als die Ursache Deines Kulturpessimismus? Außerdem glaube ich nicht, dass jemand diese Show guckt, der nicht zwischendurch einen Blick in die Zeitung wirft.

Ich habe heute – endlich – in MacGregors Deutschland. Erinnerungen einer Nation reingelesen. Er vertritt auch so eine schräge Kombination aus einheitsnationalem und ambivalent-differenzierten Deutschlandnarrativ. Einerseits bin ich ein großer Fan dieses nicht-deutschen Blickes (siehe Clark), andererseits frage ich mich inzwischen, ob er nicht zwangsläufig daran krankt, ein Ganzes konstruieren zu wollen. Jetzt kommt mir dieser Gedanke ziemlich offensichtlich vor. Mit den Zdf-Sendungen ist es jedenfalls definitiv so: Wie sollte man dort etwas senden, in dem nicht irgendwie doch die Einheit beschworen wird? Ein solches Armutszeugnis würde man sich doch nicht ausstellen. Und darüber kann man eigentlich auch nicht schreiben; wer würde das lesen?

Nach Paris grüßt herzlich G.

Gespensterstunde

Sonntag, 11. Oktober 2015 | von Bellarminius

Die Wendung »Geist von Kreuth« ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Kreuther Trennungsbeschluss. Sie spielt auf die politischen Motive und Vorgänge an, die am 18./19. November 1976 die CSU-Landesgruppe bewogen, auf ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth (Lkr. Miesbach) die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Deutschen Bundestag aufzukündigen und im 8. Deutschen Bundestag eine selbständige Fraktion zu bilden.

– Historisches Lexikon Bayern, »Geist von Kreuth«.

33, Quai d’Orsay

Donnerstag, 8. Oktober 2015 | von Bellarminius

« Posez des questions! », so immer wieder der Leiter der etwas über 30 Studenten, die mit ihm durch das französische Regierungsviertel tingelten. Er brauchte sich eigentlich nicht zu sorgen, denn die Studenten aus gut zehn unterschiedlichen Ländern stellten in durchweg bemerkenswert gutem Französisch so viele Fragen, sodass es niemals zu einer awkward silence kam. Besucht wurden: Jean-Marc GERMAIN, Abgeordneter von Hauts-de-Seine und frondeur, Olivier UBRICH, Directeur général von BASF France, Jean-Louis BIANCO, Präsident des Observatoire de la Laïcité und Berater von Ségolène Royale (die sich freundlich lächelnd zum kurzen Grußwort im Umweltministerium zeigte) und Jean-Marie LE GUEN, Minister der Beziehung mit dem Parlament. Ein ordentliches Programm, viel Zeit zum Besuch der Bibliothek der Assemblée mit ihren Deckengemälden von Delacroix oder dem Studium der einzelnen Räume und Gemälde blieb nicht. Dabei ist die Kombination aus Absolutismus, Empire, Julimonarchie und Republiken, die alle ihre Spuren im Palais Bourbon hinterließen, natürlich einzigartig. Allein das Relief des Frontons wurde zweimal augetauscht: Louis XVIII. ersetzte Napoléons Sieg in Austerlitz mit einer Glorifizierung der Charte Constitutionelle, welche dann wiederum in der Julimonarchie durch eine Frankreich-Allegorie ausgetauscht wurde. Die Säulenreihung stammt aber weiterhin vom ersten Konsul und ergänzt die der (hinter der Place de la Concorde gelegene) Madelaine auf der gegenüberliegenden rive droite. Im Inneren des Palasts blicken Numa, Lykurg und Solon mit vielen anderen von den Wänden. Die Schule von Athen wacht über die Abgeordneten im Hémicycle. Egal, wichtiger war ohnehin das jeweils obligatorische Foto vor egal welcher Fassade. Was waren die Leitmotive der unterschiedlichen Diskutanten? 1. Frankreich als Land der Ideen von 1789, besonders nach den « attentats de janvier », 2. eine Überbietung in Europaaufgeschlossenheit, sei es das Prinzip des Ingenieurs von BASF, aus der Komplexität Europas das jeweils Beste zu lernen, statt sie zu beklagen, sei es Bianco, der sich gar als « européen militant » beschrieb. 3. Eine gewisse Nervosität, wenn von einer gemeinsamen europäischen Linken die Rede war. Dafür gab es 4. vielmehr die Sicherheit, « que la France est reformable », gleichzeitig wurde aber auch betont, dass es so schlecht um die Wirtschaft ohnehin nicht stehe. Ja, sogar das früher so gehasste deutsche Wort der compétivité kam den Sozialisten locker von den Lippen. Am weitesten ging Le Guen, der davon sprach, dass die Franzosen in freier Wahl die Massenarbeitslosigkeit wählen würden. Da sich weder Kollegen, noch Journalisten unter uns befänden, wurde jovial gepoltert: « Les Français aiment plutôt d’être au chomage, que travailler ». Das würde sich allerdings langsam ändern. Sogar Mini-Jobs wurden positiv erwähnt, hoch leben « nos amis d’Allemagne ». Die wurden dann aber auch gleich dafür gerügt, nur ökonomisch eine Führungsrolle einnehmen zu wollen. Abschließender Gang durch den Garten des Hôtel de Clermont, konzeptioniert vom Petersburg-Planer Jean-Baptiste Le Blond; nebenan wohnt ein Emir aus Katar, der sich bisher in dreißig Jahren einmal blicken lassen hat. Beschwingt begann unser guide mit der Astrologie : Wiederwahl Hollande 2017 mit cohabitation von Juppé, außerdem Bayrou sehr stark – soviel also zur Lage der Nation.

25

Dienstag, 6. Oktober 2015 | von Bellarminius

Natürlich ist es am besten die Einheit einfach im Sinne des abstrakten Tourismus zu praktizieren; hier in Paris hofft man, dass die eingeladenen Gäste, das DHI und der Botschafter nicht nur das übliche angestaubte Publikum zu der einschlägigen Veranstaltung zieht. Der neue Botschafter Meyer-Landruth begrüßt dann auch tatsächlich ein zahlreich versammeltes Publikum im Keller des Goethe-Institus, rue d’Iéna. Statt ein »neues deutsches Selbstbewusstsein« am Nationalfeiertag in die Welt zu tragen schlägt er in deutscher Bescheidenheit persönlichere und ruhigere Töne an, so ruhig, dass bald aus dem Publikum der Wunsch zu hören ist, er solle doch etwas lauter und ins Mikrofon sprechen – ein Ritual, dass sich den gesamten Abend wiederholen wird. Er selbst, Meyer-Landruth, habe als junger Diplomat in Wien die Wiedervereinigung erlebt und freue sich nun eine ostdeutsche Perpektive auf die Ereignisse zu hören. Denn für die Westdeutschen, so wird dem französischen Publikum erklärt, habe sich am 3. Oktober nicht viel verändert, für sie wurde im Jahr 1990 das Leben nicht in zwei Hälften geteilt.

Es wird übergeleitet an die germanophile Journalistin Pascale Hugues, die den Abend moderieren soll. Sie freut sich auch, viele »junge Gesichter« im Publikum zu sehen (und sinkt infolgedessen bereits dramatisch im Sympathiebarometer). Später ist sie dann nicht mehr sonderlich beschäftigt, denn die einzelnen Diskutanten treten häufiger in einen freundschaftlichen Dialog und schließen ihre Gedanken selbständig aneinander an. Es beginnt Christoph Links, im Verlagsgeschäft in der DDR tätig, der 1989 einen der ersten Privatverläge der DDR gründete und 1990 als Befreiung verstand. Die Bilanz seines Lebens in der DDR ist zweigeteilt: er erinnert an die allgegenwärtige berufliche Einengung durch den Staat, aber auch an ein glückliches Leben im privaten Kreis und eine eigene ostdeutsche Kulturgeschichte. Leider kommt er im Laufe der Diskussion nicht mehr häufig zu Wort, nur kurz kann noch er die These eines eigenen ostdeutschen Blicks vertreten, den er auch noch in der Generation seiner Tochter finde und der die Bundesrepublik bereichern würde.

Maßgeblich gestalten zwei andere Männer den Abend, die beiden Vertreter aus Wirtschaft und Politik, Edgar Most und Lothar de Maizière. Most, im breitesten Thüringerisch sprechend, war der letzte Vizepräsident der DDR-Staatsbank, gründete dann die erste Privatbank der DDR mit (die DKB) und wechselte einigermaßen reibungslos zur Deutschen Bank, bei der er eine Art Freibrief für Ostdeutschland bekam. Wie er die ideologische Hunderachtziggradwende vollzogen habe, wisse er selbst nicht mehr so richtig, antwortet er auf die Frage (»nicht persönlich gemeint«) am Ende, ob er sich denn als Kommunist verstanden habe. Dafür stellte er dankenswerter Weise fest, dass »die Frage, die Sie nicht persönlich meinen, persönlich ist«. Eigentlich habe sich nur eines verändert: statt stets auf den Gewinn des Staates zu sehen, sah er eben nun nur noch auf den Gewinn der Bank. Hugues interessiert sich dann eher für seine Freundschaft mit Ackermann und fällt auch sonst eher durch Allgemeinplätze und Nullstichwörter auf, so etwa die »wunderschönen Landschaften im Osten«, die »wunderschön renovierten Städte« und die »verlorene Generation«.

Zum Glück sitzt da noch Lothar de Maizière, der wie mehrmals betont »erste und letzte frei gewählte« Ministerpräsident der DDR, der im preußisch-nasalen Stakkato die klarste Sicht auf die Vergangenheit hat, wahrscheinlich weil er mit der doppelten Freiheit des Mannes spricht, der die DDR und ein politisches Mandat hinter sich gelassen hat. Wenn von Christoph Hein, als écrivain engagé vorgestellt, die Schnelligkeit der Einigung beklagt wird, dann antwortet de Maizière, dass sie eben nur in dieser Schnelligkeit zu erreichen war, denn die UdSSR stand kurz vor dem Bankrott. Auch war es nicht der Intellektuelle, der am eindringlichsten auf die verlorene Generation der 50-jährigen aufmerksam machte, sondern ironischerweise der Manager Most, der erzählte, wie bei seinem Grundschulklassentreffen in Thüringen auf einmal neunzig Prozent siner alten Klassenkameraden arbeitslos waren. Diese Generation, allgemein eine Veliererperspektive, ist natürlich nicht auf dem Podium vertreten und de Maizière ist der einzige, der sich mit der Frage weiter auseinandersetzt und zwar politisch-realistisch. »Verlorene Generationen gibt es nun mal«, sagt er, »denn Geschichte ist keine gerechte Veranstaltung« und es sei »fraglich, wie man sie auffangen soll«. Wie diese ältere Generation ihre Enttäuschung mit der Bundesrepublik an eine jüngere weitergegeben hat, die sich vor allem im ländlichen Raum radikalisierte, wird nicht diskutiert – Most kritisiert im Zusammenhang den Ausverkauf der ostdeutschen Industrie und den für sie fatalen Wechselkurs, auch Hein macht immerhin auf die Entvölkerung hinter den schönen neuen Fassaden aufmerksam.

Hein, dem ich bereits vorurteilsbelastet gegenübertrat, denn ich hatte seinen vor allem sprachlich ausgesprochen schlechten Roman Weißkerns Nachlass nur aus Gutmütigkeit vor zwei Jahren zu Ende gelesen, war der Schwächste auf dem Podium. Mit schriftstellerischer Selbstgefälligkeit zitierte er García Márquez und Eco und schwadronierte dann in einer moralisierenden Brandrede davon, dass der Mauerfall ähnliche historische Bedeutung wie der Zusammenbruch des römischen Reichs hatte (anstatt wie de Maizière den Mauerfall als ein Ereignis des Zusammenbruchs der UdSSR geschichtlich angemessen zu verorten), um dann in die Flüchtlingkiste zu greifen und von den 50 Millionen Nigerianern zu sprechen, die vom IS vertrieben bald nach Europa kommen würden. De Maizière war dem stotternden Hein nicht nur rhetorisch und analytisch überlegen, nein, er war auch schärfer. Mit Kohl und dessen „Ich-bin-Deutschland“-Attitüde habe er sich nicht verstanden, er sei nun mal protestantischer Preuße und nicht rheinischer Katholik; dass Kohl ihn duze, habe er sich verboten, woraufhin Kohl ihn »feinen Pinkel« nannte. Auch gab de Maizière das beste Psychogramm seiner ehemaligen Mitarbeiterin und DDR-Bürgerin Angela Merkel unter den Anwesenden. Sie sei sehr intelligent, denke naturwissennschaftlich-kausal, was auch zu ihrem »beschränkten Wortschatz« führen würde. Eine Durchsetzungsfähigkeit, wie sie Merkel später bewies, habe er ihr nicht zugetraut, vielleicht habe sie die von Kohl gelernt.

Dass de Maizière aber in Richtung des französisches Publikum wegen der nicht eingehaltenen Maastricht-Kriterien stichelte, war unnötig und unhöflich, brach Deutschland sie doch zuerst und vor einigen Jahren (2009 und 2010) auch noch selbst. Seine deutsch-deutsche Gegenwartsdiagnose traf dafür ins Schwarze: Die gefühlte Teilung Deutschlands sei eine Generationenfrage, denn für die jüngere Generation sei die DDR bereits so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Und schließlich meinte der Sohn aus hugenottischer Familie: Vierzig Jahre habe der Exodus der Israeliten aus Ägypten gedauert, »das einzige, was uns fehlt, ist Geduld«.

Rue Mabillon

Mittwoch, 30. September 2015 | von Bellarminius

Etwas verschlafen saß ich an meinem angestammten Platz um 12 Uhr in einem der Restaurants Universitaires der Stadt, etwa so wie der enseignant, M. Brizay, heute früh, der nach längerem Warten um 8.19 Uhr mit den Worten « Excusez mon retard. Mais j’ai dormi il y’en a 19 minutes » den TD eröffnete. Dieses Vorkommnis verstärkte den durch seine Haare und seinen moustache ohnehin schon proustianischen Nimbus, den er für mich hatte, widersprach ihm aber auch, denn er stürmte mit Lederjacke und rosa-kariertem Hemd in die salle F050. M. Brizay ist ein Freund des apodiktischen Worts, was bei jungen Historikern so selten wie angenehm ist. So teilt er etwa die Historiografie in erstens die positivistische (Aufzählung von Ereignissen) und zweitens die annalistische (eine Geschichte, die nicht in den Quellen zu finden ist) ein; über Genua meint er: sie hatten nichts, außer ihre Flotte und ihre Banken; und Luther wird mit keinem Wort erwähnt, sondern nur von den Häretikern gesprochen. Das in schrecklichem rot-weiß eingerichtete Resto U hat den Vorteil, dass eine rote Tischlinie, barartig an den Fenstern gelegen, den Blick nach außen während des Essens ermöglicht. So kann ich von meinem angestammten Platz im zweiten Stock auf das gegenüberliegende Haus sehen, auf dessen Fassade weiße Schrift auf Schildern in lieblichem Blau das 6e arr., die Hausnummer 6 und die Rue Mabillon dem Besucher verkünden. Darunter die blaue Markise von Capri Bazar und darunter eine Ordnungskraft in blauer Uniform, die eben das Nummernschild eines Renaults photographieren möchte und, schnell herbeigeeilt, der Besitzer des Wagens in blauer veste, der sie nun zutextet und sie schließlich mit einem Luftkuss in Richtung der Rue du Four verlässt, während sie lächelnd zum nächsten Wagen streift. Noch schöner ist der Blick auf die beiden Türme des größten Gotteshauses der rive gauche von meinem Platz und besonders auf den südlichen, nicht vollendeten Turm, was an den größten deutschen Pariser, den 1843 seine Reise nach Köln führte, denken lässt:  »Doch siehe! dort im Mondenschein / Den kolossalen Gesellen! / Er ragt verteufelt schwarz empor, / Das ist der Dom von Köllen.  Er ward nicht vollendet – und das ist gut. / Denn eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung.« Heine schließt damit, dass er den Dom gerne als Pferdestall und die drei heiligen Könige in den Ketzerkäfigen an St. Lamberti in Münster sehen würde, denn: »Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen.« Der unvollendete Südturm von Saint-Sulpice ist nicht ein Denkmal der protestantischen Sendung sondern ein Mahnmal der Revolution, im deren Verlauf die Baugerüste des Turms entfernt wurden und die Kirche erst zum Temple de la Raison, dann zum Temple d’Être suprême und schließlich zum Temple de la Victoire wurde. Statt der korinthischen Kapitelle des Nordturms ragen nun nur einige unbehaune Steine aus dem Mauerwerk seines kleineren Bruders.