Rue Mabillon

Mittwoch, 30. September 2015 | von Bellarminius

Etwas verschlafen saß ich an meinem angestammten Platz um 12 Uhr in einem der Restaurants Universitaires der Stadt, etwa so wie der enseignant, M. Brizay, heute früh, der nach längerem Warten um 8.19 Uhr mit den Worten « Excusez mon retard. Mais j’ai dormi il y’en a 19 minutes » den TD eröffnete. Dieses Vorkommnis verstärkte den durch seine Haare und seinen moustache ohnehin schon proustianischen Nimbus, den er für mich hatte, widersprach ihm aber auch, denn er stürmte mit Lederjacke und rosa-kariertem Hemd in die salle F050. M. Brizay ist ein Freund des apodiktischen Worts, was bei jungen Historikern so selten wie angenehm ist. So teilt er etwa die Historiografie in erstens die positivistische (Aufzählung von Ereignissen) und zweitens die annalistische (eine Geschichte, die nicht in den Quellen zu finden ist) ein; über Genua meint er: sie hatten nichts, außer ihre Flotte und ihre Banken; und Luther wird mit keinem Wort erwähnt, sondern nur von den Häretikern gesprochen. Das in schrecklichem rot-weiß eingerichtete Resto U hat den Vorteil, dass eine rote Tischlinie, barartig an den Fenstern gelegen, den Blick nach außen während des Essens ermöglicht. So kann ich von meinem angestammten Platz im zweiten Stock auf das gegenüberliegende Haus sehen, auf dessen Fassade weiße Schrift auf Schildern in lieblichem Blau das 6e arr., die Hausnummer 6 und die Rue Mabillon dem Besucher verkünden. Darunter die blaue Markise von Capri Bazar und darunter eine Ordnungskraft in blauer Uniform, die eben das Nummernschild eines Renaults photographieren möchte und, schnell herbeigeeilt, der Besitzer des Wagens in blauer veste, der sie nun zutextet und sie schließlich mit einem Luftkuss in Richtung der Rue du Four verlässt, während sie lächelnd zum nächsten Wagen streift. Noch schöner ist der Blick auf die beiden Türme des größten Gotteshauses der rive gauche von meinem Platz und besonders auf den südlichen, nicht vollendeten Turm, was an den größten deutschen Pariser, den 1843 seine Reise nach Köln führte, denken lässt:  »Doch siehe! dort im Mondenschein / Den kolossalen Gesellen! / Er ragt verteufelt schwarz empor, / Das ist der Dom von Köllen.  Er ward nicht vollendet – und das ist gut. / Denn eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung.« Heine schließt damit, dass er den Dom gerne als Pferdestall und die drei heiligen Könige in den Ketzerkäfigen an St. Lamberti in Münster sehen würde, denn: »Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen.« Der unvollendete Südturm von Saint-Sulpice ist nicht ein Denkmal der protestantischen Sendung sondern ein Mahnmal der Revolution, im deren Verlauf die Baugerüste des Turms entfernt wurden und die Kirche erst zum Temple de la Raison, dann zum Temple d’Être suprême und schließlich zum Temple de la Victoire wurde. Statt der korinthischen Kapitelle des Nordturms ragen nun nur einige unbehaune Steine aus dem Mauerwerk seines kleineren Bruders.