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Dienstag, 6. Oktober 2015 | von Bellarminius

Natürlich ist es am besten die Einheit einfach im Sinne des abstrakten Tourismus zu praktizieren; hier in Paris hofft man, dass die eingeladenen Gäste, das DHI und der Botschafter nicht nur das übliche angestaubte Publikum zu der einschlägigen Veranstaltung zieht. Der neue Botschafter Meyer-Landruth begrüßt dann auch tatsächlich ein zahlreich versammeltes Publikum im Keller des Goethe-Institus, rue d’Iéna. Statt ein »neues deutsches Selbstbewusstsein« am Nationalfeiertag in die Welt zu tragen schlägt er in deutscher Bescheidenheit persönlichere und ruhigere Töne an, so ruhig, dass bald aus dem Publikum der Wunsch zu hören ist, er solle doch etwas lauter und ins Mikrofon sprechen – ein Ritual, dass sich den gesamten Abend wiederholen wird. Er selbst, Meyer-Landruth, habe als junger Diplomat in Wien die Wiedervereinigung erlebt und freue sich nun eine ostdeutsche Perpektive auf die Ereignisse zu hören. Denn für die Westdeutschen, so wird dem französischen Publikum erklärt, habe sich am 3. Oktober nicht viel verändert, für sie wurde im Jahr 1990 das Leben nicht in zwei Hälften geteilt.

Es wird übergeleitet an die germanophile Journalistin Pascale Hugues, die den Abend moderieren soll. Sie freut sich auch, viele »junge Gesichter« im Publikum zu sehen (und sinkt infolgedessen bereits dramatisch im Sympathiebarometer). Später ist sie dann nicht mehr sonderlich beschäftigt, denn die einzelnen Diskutanten treten häufiger in einen freundschaftlichen Dialog und schließen ihre Gedanken selbständig aneinander an. Es beginnt Christoph Links, im Verlagsgeschäft in der DDR tätig, der 1989 einen der ersten Privatverläge der DDR gründete und 1990 als Befreiung verstand. Die Bilanz seines Lebens in der DDR ist zweigeteilt: er erinnert an die allgegenwärtige berufliche Einengung durch den Staat, aber auch an ein glückliches Leben im privaten Kreis und eine eigene ostdeutsche Kulturgeschichte. Leider kommt er im Laufe der Diskussion nicht mehr häufig zu Wort, nur kurz kann noch er die These eines eigenen ostdeutschen Blicks vertreten, den er auch noch in der Generation seiner Tochter finde und der die Bundesrepublik bereichern würde.

Maßgeblich gestalten zwei andere Männer den Abend, die beiden Vertreter aus Wirtschaft und Politik, Edgar Most und Lothar de Maizière. Most, im breitesten Thüringerisch sprechend, war der letzte Vizepräsident der DDR-Staatsbank, gründete dann die erste Privatbank der DDR mit (die DKB) und wechselte einigermaßen reibungslos zur Deutschen Bank, bei der er eine Art Freibrief für Ostdeutschland bekam. Wie er die ideologische Hunderachtziggradwende vollzogen habe, wisse er selbst nicht mehr so richtig, antwortet er auf die Frage (»nicht persönlich gemeint«) am Ende, ob er sich denn als Kommunist verstanden habe. Dafür stellte er dankenswerter Weise fest, dass »die Frage, die Sie nicht persönlich meinen, persönlich ist«. Eigentlich habe sich nur eines verändert: statt stets auf den Gewinn des Staates zu sehen, sah er eben nun nur noch auf den Gewinn der Bank. Hugues interessiert sich dann eher für seine Freundschaft mit Ackermann und fällt auch sonst eher durch Allgemeinplätze und Nullstichwörter auf, so etwa die »wunderschönen Landschaften im Osten«, die »wunderschön renovierten Städte« und die »verlorene Generation«.

Zum Glück sitzt da noch Lothar de Maizière, der wie mehrmals betont »erste und letzte frei gewählte« Ministerpräsident der DDR, der im preußisch-nasalen Stakkato die klarste Sicht auf die Vergangenheit hat, wahrscheinlich weil er mit der doppelten Freiheit des Mannes spricht, der die DDR und ein politisches Mandat hinter sich gelassen hat. Wenn von Christoph Hein, als écrivain engagé vorgestellt, die Schnelligkeit der Einigung beklagt wird, dann antwortet de Maizière, dass sie eben nur in dieser Schnelligkeit zu erreichen war, denn die UdSSR stand kurz vor dem Bankrott. Auch war es nicht der Intellektuelle, der am eindringlichsten auf die verlorene Generation der 50-jährigen aufmerksam machte, sondern ironischerweise der Manager Most, der erzählte, wie bei seinem Grundschulklassentreffen in Thüringen auf einmal neunzig Prozent siner alten Klassenkameraden arbeitslos waren. Diese Generation, allgemein eine Veliererperspektive, ist natürlich nicht auf dem Podium vertreten und de Maizière ist der einzige, der sich mit der Frage weiter auseinandersetzt und zwar politisch-realistisch. »Verlorene Generationen gibt es nun mal«, sagt er, »denn Geschichte ist keine gerechte Veranstaltung« und es sei »fraglich, wie man sie auffangen soll«. Wie diese ältere Generation ihre Enttäuschung mit der Bundesrepublik an eine jüngere weitergegeben hat, die sich vor allem im ländlichen Raum radikalisierte, wird nicht diskutiert – Most kritisiert im Zusammenhang den Ausverkauf der ostdeutschen Industrie und den für sie fatalen Wechselkurs, auch Hein macht immerhin auf die Entvölkerung hinter den schönen neuen Fassaden aufmerksam.

Hein, dem ich bereits vorurteilsbelastet gegenübertrat, denn ich hatte seinen vor allem sprachlich ausgesprochen schlechten Roman Weißkerns Nachlass nur aus Gutmütigkeit vor zwei Jahren zu Ende gelesen, war der Schwächste auf dem Podium. Mit schriftstellerischer Selbstgefälligkeit zitierte er García Márquez und Eco und schwadronierte dann in einer moralisierenden Brandrede davon, dass der Mauerfall ähnliche historische Bedeutung wie der Zusammenbruch des römischen Reichs hatte (anstatt wie de Maizière den Mauerfall als ein Ereignis des Zusammenbruchs der UdSSR geschichtlich angemessen zu verorten), um dann in die Flüchtlingkiste zu greifen und von den 50 Millionen Nigerianern zu sprechen, die vom IS vertrieben bald nach Europa kommen würden. De Maizière war dem stotternden Hein nicht nur rhetorisch und analytisch überlegen, nein, er war auch schärfer. Mit Kohl und dessen „Ich-bin-Deutschland“-Attitüde habe er sich nicht verstanden, er sei nun mal protestantischer Preuße und nicht rheinischer Katholik; dass Kohl ihn duze, habe er sich verboten, woraufhin Kohl ihn »feinen Pinkel« nannte. Auch gab de Maizière das beste Psychogramm seiner ehemaligen Mitarbeiterin und DDR-Bürgerin Angela Merkel unter den Anwesenden. Sie sei sehr intelligent, denke naturwissennschaftlich-kausal, was auch zu ihrem »beschränkten Wortschatz« führen würde. Eine Durchsetzungsfähigkeit, wie sie Merkel später bewies, habe er ihr nicht zugetraut, vielleicht habe sie die von Kohl gelernt.

Dass de Maizière aber in Richtung des französisches Publikum wegen der nicht eingehaltenen Maastricht-Kriterien stichelte, war unnötig und unhöflich, brach Deutschland sie doch zuerst und vor einigen Jahren (2009 und 2010) auch noch selbst. Seine deutsch-deutsche Gegenwartsdiagnose traf dafür ins Schwarze: Die gefühlte Teilung Deutschlands sei eine Generationenfrage, denn für die jüngere Generation sei die DDR bereits so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Und schließlich meinte der Sohn aus hugenottischer Familie: Vierzig Jahre habe der Exodus der Israeliten aus Ägypten gedauert, »das einzige, was uns fehlt, ist Geduld«.