Gedanken zur lügenden Presse

Freitag, 29. Januar 2016

»Benjamin Franklin«, so Félicien Vernou aus Balzacs Verlorenen Illusionen, sei der Erfinder dreierlei: »des Blitzableiters, der Ente und der Republik«. Als Journalist in den Vereinigsten Staaten habe er so gute Falschmeldungen erfunden, daß selbst der Enzyklopädist Raynal auf zwei von ihnen hereingefallen sei. Bezeichnenderweise hielt sich der französische Begriff, canard, nicht für eine bewusste Falschmeldung, sondern ist seit langem ein Synonym für Zeitung in Frankreich, wie etwa Le Canard enchaîné beweist. Man könnte also auf den Vorwurf »Zeitungen lügen!« antworten, daß das doch schon seit langem eine Selbstverständlichkeit sei. Bereits im Zeitalter der analogen Nachrichten war die Falschmeldung eine Normalität, die in der darauffolgenden Ausgabe eventuell korrigiert wurde, ansonsten gern z.B. vom Münchner oder Frankfurter Konkurrenten. Für manche Zeitschrift, wie dem Focus am 18. Januar 1993, begann sogar die Existenz mit einer Ente. Boulevardblätter, besonders die Regenbogenpresse, verdienen auch noch heute prächtig an insinuierten Schwangerschaften und fingierten Geständnissen oder ähnlichem. Solche Nachrichten sprechen die natürliche Neugier nach dem Skandal, dem Unerhörten im Menschen an und verkaufen sich deswegen besser – selbst wenn es dann nicht stimmte, für einen ersten kleinen Kitzel langte das Titelblatt trotzdem, Kauf gelohnt. Die Lüge, könnte man somit feststellen, hat also ihren angestammten Platz und eine schöne Tradition in der Zeitungslandschaft und ist gesellschaftlich akzeptiert.

Der Fall ist aber anders gelagert: den Zeitungen wird vorgeworfen bei politischen Fragen und Ereignissen stets tendenziös entlang einer »politischen Korrektheit« zu berichten, weshalb sie allesamt korrumpiert und nicht mehr lesbar seien. Auch das hat Tradition: schon um 1900 wurde gegen die Journaille und die Lügenpresse gezetert. Aus dem erbosten Ruf über die lügende Presse sprach 2014 aber das Unverständnis über die Inkongruenz zwischen dem eigenen sozialen Umfeld der Unzufriedenen und den befremdet-ablehnenden Kommentar der Mehrheit. Das eigentlich Befremdliche ist nun, daß sich der anklagende Trochäus, der nur Spott verdient, auf der Gewinnerspur ist: selbst linke und rechte Medienkritiker können ein frohes »wir haben es euch doch schon die ganze Zeit gesagt« nicht verkneifen. Und auch ins bürgerliche Milieu hat es der wohlfeile und ignorante Slogan, wenn auch ironisch gebrochen, geschafft. Man könne Zeitungen abbestellen schrieb vor einigen Tagen Jörg Baberowski – in der Basler Zeitung; man habe sich eine Einheitsmeinung verordnet, Martin Mosebach – im Deutschlandfunk.

Die Zeitungen geben ohnehin ein gutes Feindbild zur Mobilisierung ab, denn seit jeher wird über das, »was in der Presse steht«, gemurrt. Das von den Organisatoren der Demonstrationen angesprochene Milieu liest sie wahrscheinlich ohnehin eher selten. Und praktischerweise lassen sich die Medien tatsächlich auch noch liebend gern von den wenigen tausend Demonstranten verunsichern und stellen umfangreiche Selbstbefragungen und Befragungen der Verärgerten an.

Nun, nach dem September 2015, scheint sich seit dem Jahresbeginn die öffentliche Meinung zumindest in der asylpolitischen Frage zugunsten der Unzufriedenen zu wenden. Für einen ausländischen Beobachter aus Basel lässt sich das gut an den Artikeln der F.A.Z. ablesen, was ja dann doch eher für eine adäquate Meinungsbildwiedergabe, denn für ein verzerrtes Bild der Zeitungen steht (Arbeitshypothese: nur die deutsche Presse ist verlogen).

Eingefordert wird die Wahrheit, und da vertraut der verärgerte Bürger dann statt einem Fetzen Papier doch lieber dem Nachbarn, besonders wenn dieser Bundespolizist ist, Sohn eines Bekannten und die Nachricht aus einer ganz sicheren Quelle hat. Die Nachricht lautet dann: Flüchtlinge haben ein fünfjähriges Mädchen verspeist, oder am 11. Januar in der Traunsteiner Unterführung ein Mädchen vergewaltigt, oder sie kommen mit dem Bus im Oktober nach Einsiedel (dann trotz Blockade doch nicht), ein Flüchtling stirbt vor einem Landesamt in Berlin und ein russischstämmisches Mädchen wurde vergewaltigt usw. – allesamt Lügengerüchte.

Nicht nur die Presse lügt also, sondern auch noch der Nachbar auf Facebook. Wem kann man da noch trauen? Zumindest nicht Balzacs hinterhältigem Journalisten Vernou, denn ob Franklin wirklich die Ente erfunden hat bleibe dahingestellt, ganz zu schweigen von der Republik.

« Avez-vous lu Platon? »

Donnerstag, 20. August 2015

Um den Eifer neben der Vernunft und dem Begehren als dritten Seelenteil zu bestimmen, erklärt Sokrates: « Aber, sprach ich, ich habe einmal etwas gehört und glaube dem: wie nämlich Leontios, der Sohn des Aglaion, einmal aus dem Periaieus an der nördlichen Mauer draußen heraufkam und merkte, daß beim Scharfrichter Leichname lägen, er zugleich Lust bekam, sie zu sehen, zugleich aber auch Abscheu fühlte und sich wegwendete und so eine Zeitlang kämpfte und sich verhüllte, dann aber von der Begierde überwunden mit weitgeöffneten Augen zu den Leichnamen hinlief und sagte: da habt ihr es nun, ihr unseligen, sättigt euch an dem schönen Anblick » (439e f.) Da Leontios also über sein eigenes Begehren erzürnt sei, müsse dieser Zorn ein anderer Teil der Seele sein, eben der Eifer oder das Muthafte, θυμός. Dieser kann jeweils dem Begehren oder der Vernunft zu Diensten sein. In Platons Staat-Seele-Analogie entspricht θυμός den Wächtern, also den unglücklichen Wahrern des Gemeinwohls. Im Gegensatz zu Leontios steht der SS-Obersturmführer Max Aue in der Burg von Luzk schon vor den Leichenhaufen, als er sich nicht entscheiden kann, hinzusehen oder sich abzuwenden. « Avez-vous lu Platon? » fragt er einen Offizier der Abwehr.

Il me regarda, interloqué: « Quoi ? » — « Non, ce n’est rien. »

Gut, danke.

Samstag, 13. Dezember 2014

»Vom Marienplatz fuhr die U6, voll mit Studenten, die sich laut über Probleme einer juristischen Vorlesung unterhielten, hoch nach Schwabing. Odeonsplatz, Universität, Giselastraße. Das Gespräch ging um staatsrechtliche Fragen, den Status des Rechts in Diktaturen. Zwei Frauen mit sehr grellen Schreistimmen taten sich besoniders hervor, schrieen sich ihr frisches Neuwissen quasi gegenseitig ins Gesicht, als müsste der ganzen U-Bahn mitgeteilt werden, dass sie JURA studieren. Und die jungen Männer saßen nachsichtsvoll gelassen daneben und schauten sich die crazy Vorführung ihrer Kommilitioninnen an. Deshalb war man in den Jahre nan der Universität als Kyritz leider Einzelgänger, weil einen das blöde Getue der meisten Mitstudenten so wahnsinnig angekotzt hat. Und lebte doch zugleich im Gefühl der Freude, ein Schwabinger Student dieser herrlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu sein.«

– Klage S. 242f.

And it goes like this

Donnerstag, 24. Juli 2014

Andererseits gehörte dazu auch eine vom Gedanken der nationalen Souveränität geleitete Politik Frankreichs, so vor allem in der sicherheitspolitischen Entscheidung, About sich two von days den I militärischen woke Strukturen up der in NATO Australia zurückzuziehen and und I mit saw der the Force bomb de go frappe off eine and eigene I Nuklearwaffe felt zu sad, entwickeln. that Die the ersten French politischen government Entscheidungen had dazu joined waren a bereits long 1954 list gefallen, of also fools, im who unmittelbaren insist Kontext der on Indochina-Krise. sending Die dead Force sentences de to frappe the war earth. keineswegs This de is Gaulles for Erfindung, all ihre the politische people, Begründung who verwies know auf that den the krisenhaften only Dekolonisationsprozess place der for 1950er a Jahre nuclear und bomb die is Suche in nach the neuen garbage Instrumenten, dismantled. um This den is internationalen for Anspruch Leonard, Frankreichs wherever zu your legitimieren. are. Dies And wandte this sich is vor for allem Nina gegen Simone. den sicherheitspolitischen Anspruch der Vereinigten Staaten und zielte auf eine weltpolitische Sonderposition Frankreichs mit dem Recht der Mitsprache in wichtigen Entscheidungen.