Briefwechsel zur Einheit

Freitag, 16. Oktober 2015

Die Deutschlandfahnen sind wieder eingepackt, der 25. Jahrestag der Einheit ist vorüber. Dieser Briefwechsel vom 7. bis 13. Oktober begann als Antwort auf einen Blogartikel. Dieser Artikel (»25«) kommentierte eine Podiumsdiskussion zur Wiedervereinigung im Goethe-Institut zu Paris. Am Anfang des Briefwechsels stand die Frage danach, welche Bilanz nach 25 Jahren Einheit gezogen werden kann. Viel diskutiert wurden die ostdeutschen Perspektiven auf die Zeit vor, nach und im Jahr 1990, und die damit zusammenhängende Kernfrage: Wie soll an diese Jahre erinnert werden? Wie es gute Dialoge an sich haben, franste die Diskussion aus und griff auch grundsätzlichere historische Probleme, John Oliver sowie das leidige Thema einer deutschen Identität auf.

Beide Briefpartner haben die Mauer nicht mehr gesehen. Gabriel de Guilleragues ist in Dresden, Erfurt und Meißen aufgewachsen, Bellarmin nahe Ulm und Chemnitz. Derzeit studiert Bellarmin in Paris und de Guilleragues schreibt in Heidelberg an seiner Dissertation.

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Am 07.10.2015 um 10:16 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Lieber Bellarmin, Deinem Fazit stimme ich übrigens in keiner Weise zu; aber das wusstest Du vielleicht schon. Ist es nicht ein billiger Ausweg, am Ende die Generationenkeule zu schwingen und die divergierenden, oftmals erfahrungsgesättigten Haltungen zur Wende damit zu Pubertätsproblemen der Einheit zu degradieren? Diese Interpretation erscheint mir aber nicht nur billig, sondern auch falsch und geradezu gefährlich – und dafür lieferst Du selbst Argumente. Da ist der ostdeutsche Blick, den Christoph Links einbrachte, gerade für die Generation seiner Tochter, die vermutlich auch unsere ist. Vor allem ist da die Generation der damals um die 50-Jährigen, die ihre Enttäuschung auf unterschiedliche Weise verarbeiten – auf diese Leerstelle in der Diskussion weist Du hin, aber sie hat letztlich kein Gewicht, und das ist in meinen Augen der Fehler. Denn diese Enttäuschung ist wirkmächtig, und längst nicht nur in dieser einen Generation. So viele sind enttäuscht worden; das mit einem dahingeworfenen that’s history abzutun, finde ich bemerkenswert kalt und wiederum: gefährlich. Denn diese Generation und diese Leute sind nicht verloren im Sinne von weg, sie sind da, und man kann sie auffangen, zumindest ein bisschen, nämlich narrativ. Gerade der ganze Jubiläums-Klimbim verweigert ihnen jedoch genau das – ihren Platz im Narrativ. Im Übrigen gibt es meiner Einschätzung nach auch in der jüngeren Generation genug Leute, für die die DDR auf keinen Fall so weit weg ist wie der Dreißigjährige Krieg, um nicht von der Nachwendezeit zu sprechen, die mehr als genug trennende Erfahrungen bereithielt. Diese Erfahrungsräume und Stimmungen nicht anzuerkennen, als temporär abzutun oder einfach zu ignorieren, wird sie nur verstärken, und mit dieser Strategie wird man das Ende des Ost-West-Gegensatzes noch hundert Jahre lang folgenlos verkünden.

Herzlich, G.

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Am 07.10.2015 um 19:18 schrieb Bellarmin:

Lieber Gabriel, danke für die ausführliche Antwort. Ja, ich habe mir gedacht, dass du nicht das Fazit teilst. Es war auch, wie du sicherlich gemerkt hast, eher aus Affekt gegen die Teilnahmslosigkeit von Links und Hein geschrieben, die genau deine Meinung pointiert und scharf hätten vertreten sollen. Haben sie aber nicht, denn sie waren ebenso wie der Rest im Einheitstaumel und hatten de Maizière kein eigenes Narrativ entgegenzusetzen, haben ihn nicht einmal angegriffen. Da ich Texte, die in FAZ-Manier so tun, als ob die Diskussionsteilnehmer ein Drittel der Intelligenz des Autors besitzen, gerade etwas satt habe, habe ich mich auf seine Seite geschlagen.

Natürlich gibt es eine westdeutsche Eitelkeit, eine Attitüde nur die verlängerte BRD als das wahre Deutschland zu zählen und die DDR mit Wehler zur »Fußnote der Geschichte« (wogegen sich de Maizière übrigens wehrte) zu erklären, die uns beide nervt. Aber zugegebenermaßen gibt es auch genug ehemalige DDR-Bürger, die es ihnen zu einfach machen. Wie soll denn das Narrativ aussehen, dass eine ostdeutsche Perspektive einbindet? »Hallo beigetretener Staat, ihr hattet echt eine tolle Kultur und privat ging’s euch sicher auch nicht so schlecht?« Wenn, dann muss eine solche Stimme selbst aus dem Osten selbst kommen, und es gibt diese Stimmen (Links sprach von ihnen), z. B. eben Richter und Fischer, die klüger sind als ihre westdeutschen Pendants, nur sind sie zu leise. Das Anti-Beispiel ist der Freiheits-Gauck, der immer noch nicht verstanden hat, dass er ein politisches Amt übernommen hat, in dem übertriebene Freiheits- und Glücks-Rhetorik nur eines ist, nämlich verdächtig (besonders wenn sie in Praxisdissonanz etwa mit seinen Äußerungen zur NSA bei Ausbruch der Affäre steht).

In einem unheimlich schlechten Spiegel-Essay steht diese Woche, was den mehrheitlichen Ossi integriert habe (Spiegel eigentlich wegen Botho Strauß gekauft; zwar auch insgesamt grauslig, aber immerhin mit spannenden Passagen): die Kinder des Autors als geschminkte Deutschland-Fans und der ›Titan Kahn‹ der Fußballweltmeisterschaft, die ostdeutsche Pfarrerstocher als Kanzlerin und die Fokussierung auf regionalen Identitäten: nicht Ost–West, sondern Thüringen, Sachsen, Ostfriesland.

Die politischen und ökonomischen Fehler im Laufe der Wiedervereinigung werden bei so einer Nationalfeiertagsbeweihräucherung natürlich nicht gern genannt. Die ›Strukturschwäche‹ des Ostens (nicht Fehler der Wiedervereinigung, sondern der DDR!) ist das Problem, die Bräsigkeit des Ostens ist das Problem. Sie müssen angegangen werden, denn sie sind die Hauptfaktoren, die die Leute in die Radikalität und erneute Enttäuschung führen. Ich glaube, vergangene Enttäuschungen spielen zumindest in unserer Generation eine geringere Rolle (auf Gegenbeispiele bin ich gespannt!), deswegen auch die Zustimmung zum Generationenargument.

Schön übrigens, dass Richter langsam wieder zu alter Form aufläuft.

Ich war heute in der Assemblée, vielleicht werde ich dazu auch noch einige Zeilen aus mir wringen, B.

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Am 09.10.2015 um 14:53 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Ebenso danke! Der Spiegel, wirklich? Natürlich war er grauselig. Was denkst Du denn über die genannten Identifikationsangebote? Angela ist für mich nicht ostdeutsch, wobei ich mal gelesen habe, dass sie auf Veranstaltungen in Ostdeutschland diese Komponente herauskehrt. Ja, Fußballbla, ein bisschen was ist da sicher dran, aber was heißt das schon? Man denke nur an die momentane Dritte Liga. In der Berichterstattung geht es andauernd um die ostdeutsche Hälfte und ob sie Ausdruck oder Katalysator einer neuen/alten ostdeutschen Identität sei; und wenn ostdeutsche Vereine gegeneinander spielen, wird die bisherige Bilanz der Ostderbys der Vereine analysiert. – Die emotionale Verbindung zu den Bundesländern ist in der Tat recht ausgeprägt, aber da Thüringen, Sachsen etc. nun bekanntermaßen in Ostdeutschland liegen, schließt das ja keineswegs aus, dass auch das ein Teil dieser regionalen Identität ist, und so scheint es mir auch zu sein.

Die Frage nach dem Narrativ ist natürlich ein Kernproblem, und ich tue mich schwer damit. In jedem Fall muss es entwickelt werden, und dafür braucht man nicht nur lautere Stimmen, sondern auch Zuhörer, Resonanzraum, Reaktionen. Vielleicht ist der Haken, dass es eigentlich mindestens drei Auseinandersetzungen bräuchte: unter denen, die die DDR-Zeit (erwachsen) miterlebt haben, mit ihren Kindern, und dann auch noch gesamtdeutsch. Denn ostdeutschen Enttäuschten ist noch viel mehr vorzuwerfen als nur, dass sie leise sind. Was ist mit einer kritischen Auseinandersetzung ihrer eigenen Rolle? An vielen Stellen, an denen ich mich umsehe, sehe ich das nicht, und da bin ich ganz bei den 68ern, dass das kein Zustand ist. Nur dass ich mich selbst so vor Auseinandersetzungen scheue, dass ich es nicht mal zu Hause umsetze. Ich habe den Eindruck, dass es mal (intellektuell) krachen muss. Viele Westdeutsche müssen auch dringend ihren Interpretationshorizont erweitern, der aus mehr besteht als den Polen Stasi – Ostalgie. Das Instrumentarium gibt es meiner Meinung nach noch nicht, auch wenn ich bei der Zdf-Sendung mit Chris Clark, die letzte Woche ausgestrahlt wurde, sehr glücklich darüber war, für wie viele Ambivalenzen Platz war. Das hätte ich dem Zdf niemals zugetraut.

Jetzt habe ich mich verrannt. Ich sehe da noch einiges mehr. Was man allen Beteiligten zugutehalten sollte, ist, dass die Situation sehr speziell ist. 40+ Jahre verschiedener Erfahrungsräume zu überwinden ist kein Leichtes, wenn man gleichzeitig an so etwas wie Einheit glauben möchte. Ich will auch keineswegs jemandem vorwerfen, dass er von der Wende nichts mitbekommen hat, das wäre verlogen und absurd. Dennoch: Was hilft es, wenn Westdeutsche die DDR korrekt als Diktatur und Unrechtsstaat bezeichnen können? Wissen sie deswegen, was es heißt, in einem/r solchen zu leben? Haben sie mal danach gefragt? Meistens ist die Antwort Nein, und zudem scheint sich das Interesse sehr in Grenzen zu halten. Allein diese Rahmenbedingungen schränken die Möglichkeiten zur inner-ostdeutschen Auseinandersetzung ein, weil sie von so vielen historisch Unbeteiligten beobachtet werden würde, die ja irgendwie doch auf der richtigen Seite der Geschichte waren und sind. Wenn man ohnehin viele Vorurteile und Vorbehalte hat, will man sich da diese Blöße geben, darüber zu reden, was eine Diktatur mit einem macht?

In meinen Augen müssen die ›Strukturprobleme‹ noch anders eingeordnet werden, auch wenn sie natürlich ihre Ursache in der DDR-Wirtschaft haben, keine Frage. Ihre heutige Gestalt haben sie durchaus durch die Wiedervereinigung erhalten, aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um das Verhältnis von Erwartung, Erfahrung und Enttäuschung, und einem kritischen Bewusstsein dafür, dass der Kalte Krieg nicht nur von der kommunistisch-sozialistischen Seite geführt wurde. Die Enttäuschung ergibt sich nämlich ebenso aus der Fallhöhe, die durch kapitalistische Propaganda hervorgerufen wurde. Ich würde da gar nicht bei Kohl anfangen, sondern viel früher. Es kann doch ein Blinder mit Krückstock sehen, dass es Tränen gibt, wenn man Wohlstand für alle verspricht und es dann nicht einlösen kann. In diesem Sinne ist der sozialmarktwirtschaftliche Kapitalismus das dritte Heilsversprechen innerhalb von siebzig Jahren, das in Ostdeutschland gescheitert ist. (Der gleiche Blinde mit Krückstock hätte auch wissen können, dass die wirtschaftliche Wiedervereinigung nicht mal so locker vom Hocker funktionieren wird und dass es viel Geld und Zeit kosten wird; trotzdem dürfen Seehofer und Konsorten vielfach unwidersprochen dagegen pöbeln, dass in den Osten Geld investiert wird.)

Vielleicht kann man bei diesen Fragen mit dem Narrativ anfangen, und auch mit der Auseinandersetzung. Denn der typische ostalgische Ostdeutsche spielt gern politische Freiheit gegen wirtschaftliche Sicherheit bzw. Wohlstand aus, und man muss die sozialen Vorstellungen dieser Ostdeutschen verstehen, um ihre Ablehnung nachzuvollziehen (nicht: zu entschuldigen). Denn das ist eine Komponente, die in der Bezeichnung Diktatur untergeht, und die mir ungemein wirkmächtig erscheint – das sage ich, weil ich familiär so viel damit terrorisiert werde. Umgekehrt kann man dann zu Recht danach fragen, warum diese Menschen politische Freiheit so idiotisch wenig wertschätzen, eine sehr überfällige Frage.

Vielleicht ist das der Hintergrund für Gaucks-Freiheitsrhetorik? Nicht, dass es sie besser macht, oder ihn weniger inkonsistent.

Und finally, das Generationenargument. Just in diesem Moment, in meinem Heidelberger Lieblingscafé sitzend (stilvoll, ästhetisch an der herrlichen langen Fensterfront ausgerichtet, an der ich an der Theke nach außen sitze; es gibt hier Le Monde, aber nicht die FAZ), finde ich den Haken: die Perspektive. Natürlich spielen viele Enttäuschungen eine geringere Rolle, keine Frage. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass sie tatsächlich eine geringe Rolle spielen. Natürlich haben die Gegensätze seit 1989 abgenommen, aber es ist auch wirklich nicht schwer, sich näher zu sein als zu Zeiten einer weltanschaulichen Systemkonfrontation, also ehrlich. Abgesehen davon haucht mich im ostdeutschen Familien-Freundes-Kreis oft eine ordentliche Portion Kalter Krieg an. Ich habe durchaus den Eindruck, einiges darüber aus Erfahrung (!) zu wissen, was Systemkonfrontation heißt. Es gibt noch parallele Welten, alternative Geschichtsbilder, und die sind um einiges radikaler als das, was ein Peter Richter in der FAZ schreibt (I am guessing here…). Ich bin kein Fan dieser Deutungen, aber ich fühle mich auch nicht integriert in einem Land, in dem oft genug nicht nur die DDR-Zeit und mit ihre alle, für die sie trotz allem Erfahrung und Heimat war, als Fußnote abgetan werden, sondern auch die Nachwendeerfahrungen derselben Menschen. Das ist meine Familie, und wenn sie keinen Platz hier hat, und man einfach darauf wartet, dass diese Störenfriede sterben, damit man sich um sie keine Gedanken mehr machen muss, dann verzichte ich dankend auf meinen Platz in dieser vereinigten Gesellschaft.

In unserer Generation sind es auch weniger die konkret erlebten Enttäuschungen, die eine Rolle spielen, sondern eher, wie sie an unsere Generation weitervermittelt wurden. Der Unterschied zwischen Ost und West gehört da dazu, meine ich – wenn Eltern darüber klagen, dass ›unsere‹ Arbeit weniger wert ist, wenn es von den Bundesländern Rückkehrprogramme gibt, wenn man nach sieben Jahren im Süden als Westdeutscher bezeichnet wird, und das ganze unterschwellige Rumgepöbel, genauso die Unterhaltungen auf Familienfesten, wie schlecht man nach der Wende von Westdeutschen behandelt worden sei (leider ein wiederkehrender Topos), oder wie man zu DDR-Zeiten Sachen zum Bauen herbeigeschafft hat; um nicht von dem Vorwurf zu reden, dass die BRD (verächtlich hervorgestoßene Buchstaben) auf dem rechten Auge blind sei, am besten mit dem Nachsatz, dass diese Leute einem auch noch vorschreiben wollen, wie Vergangenheitsbewältigung aussieht. Davon mag inhaltlich gar nicht so viel weitergegeben werden, aber der Gegensatz wird fortgeschrieben.

Noch eine Fußnote: Für mich ist die Zeit vor 1989 weit weg, aber die BRD ist dabei um einiges weiter entfernt als die DDR.

Über den verlinkten Richter-Artikel bin ich froh, denn ich habe über dieses Phänomen mit größter Unruhe gelesen. Ist Sprache eigentlich immer so umkämpft? Ich habe den Eindruck, es geht gerade hoch her, mit den ganzen Krisen und -Kritikern, Negern und natürlich dem Ausnahmezustand!

Hab‘ hoffentlich genesen einen guten Tag, G.

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Am 10.10.2015 um 04:76 schrieb Bellarmin:

Guten Morgen. Ich habe vieles besser verstanden mit deinem Text.

In puncto Wende: Ja, darin zeigt sich eben auch die unterschiedliche Perspektive von uns beiden. Ich habe schließlich keinen näheren Verwandten, der die DDR miterlebt hat; nur eine Großmutter, die von diesem Staat 45/46 beraubt wurde, was sie nie vergessen hat. Meine ›Diktatur-Diskussionen‹ spielten sich deswegen mit Mitschülern und Lehrern ab. Ich kenne die DDR vielleicht sogar am besten durch die Oral History des geschätzten Frank Rieger (Wostkinder, CRE). Besonders ersteres Interview ist interessant, schon der Altersunterschied von drei Jahren generiert einen riesigen Erfahrungsunterschied zwischen Constanze und Frank. (Um Min. 40 geht es um den Hitler-Stalin-Pakt.) Frank spricht etwa von der Abscheu, als er die Bilder der Einheitsbetrunkenen am 9. November sah. Eine Position, die bei weitem nicht die Mehrheit repräsentiert, wie der März 1990 zeigte, aber wie spannend, dass es sie gab! Oder sind diese Wahl der CDU und die Kohl-Begeisterung als Einheitszeichen einfach falsch gedeutet?

Ich denke du hast Recht, die DDR-Enttäuschungsweitergabe habe ich unterschätzt. Deine Erfahrungen von Familienfesten kann ich mir lebendigst vorstellen. Schön, dass du die fehlende Diskussion erwähnst. Aber wir haben das schon mit dem Dritten Reich erlebt, ›Aufarbeitung‹ ist ein Unwort; das ist bei der alten Generation zu großen Teilen illusionär. Volle Zustimmung, dass Westdeutsche es sich zu einfach machen, siehe die Diskussion ›Unrechtsstaat‹, die du sehr prägnant und richtig abhakst. Aber trotzdem, die DDR-Position, bei Clark die Frau in Hoyerswerda, besonders die Verklärung des Gemeinschaftsgefühls, mit dem du ebenfalls terrorisiert wurdest – keine Frage ich war nicht dabei, aber ich finde das unmöglich: ein Gemeinschaftsgefühl, das auf stets über Hunderttausend IMs basiert, wundervoll! Das ist intellektuell doch einfach nur beleidigend. Und wer war wohl blinder und verschwiegener als das DDR-Regime in Sachen Rechtsradikalismus; ohne die Schande des Verfassungsschutzes und der Bundesregierung, vor allem K. Schröder, bis zum NSU hin zu negieren. Hast du den Turm, Weißensee gesehen? Ich nicht intensiv, aber dort wird ja auch versucht, eine etwas andere Alltagsgeschichte der DDR zu erzählen.

Zum Thema Identifikation. Die drei genannten Varianten sind für mich unbefriedigend, aber in meiner Vorstellung lässt sich da auch nicht etwas Mehrheitsfähiges bauen. Interessant ist, dass von konservativer Seite diese Fragen wieder gestellt werden, bzw. bedauert wird, dass sie nicht schon früher gestellt wurden. Und tatsächlich war es eines der Dinge, die Valéry am deutlichsten in Konstanz bemerkte: Es gibt so etwas wie eine Identität in Deutschland nicht, sondern nur einige traurige Bismarck-Türme; allein aus einer NS-Gedenkkultur, so wichtig sie ist, lässt sie sich nicht generieren. Safranski und Strauß werden tatsächlich zu leicht von vielen abgetan, denn sie sagen: Das Problem ist, dass wir keine solche Debatte hatten. Mosebach hat sich jetzt ja auch zu Strauß geäußert und ging auf die tatsächlich interessanten Teile von ihm ein, wenn ich ihm auch nicht ganz zustimme. Denn das Gerede von einer »Reichsbeschwichtigungsbehörde« ist blödsinnig, am ehesten ein performativer Widerspruch. Auch ich finde am meisten über Sprache und Literatur einen Zugang zu etwas Deutschem, aber natürlich: Auch diese Autoren waren nicht zuerst Deutsche, sie sind nicht auf ein Subjekt zu reduzieren. Nicht nur bei Bernhard und Kafka merkt man doch in welche Richtung wir gehen müssen, nämlich in die, die Brandt 1971 nannte: »Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst und den aufbauenden Kräften seiner Geschichte. Unser Europa, aus der Erfahrung von Leiden und Scheitern geboren, ist der bindende Auftrag der Vernunft.«

Übrigens interessant, dass dieser Gedanke, wenn auch größtmöglich trivialisiert, ebenso bei Clark am Ende steht. Ich bin immer noch mit vielem nicht einverstanden: 1. die Musikuntermalung, fürchterlich, wirklich; 2. ein deutscher Zug als Leitmotiv einer Sendung mit einem germanophilen Normalitätsfazit, honi soit qui mal y pense…; 3. dass eben doch eine Erfolgsgeschichte geschrieben wird; 4. das Fußballnarrativ. Ich habe dagegen eine Ablehnung und finde diese Versammlungen immer und immer mehr abstoßend: ›Sommermärchenhass‹. Aber du hast Recht, es gibt Zwischenklänge und immerhin ein ›Sowohl als auch‹, wenn es auch nicht ganz am Ende steht. Auch gut, dass Clark tatsächlich versucht in Dresden auf der Straße mit den Menschen zu reden, ich mag ihn.

Ad Sprache und Richter. Interessant, dass du das auch bemerkt hast. Besonders frappierend vor einigen Monaten in der Flüchtlingsdiskussion. Da wird in Zeitungsartikeln um einzelne Worte gestritten, wirklich! Zum Beispiel über ›Flüchtlingsstrom‹ und ›Asylkritiker‹, das kannte ich zuvor auch nicht.

Allgemein: Natürlich gibt Kosellecks Verzeitlichungsmethode ein mächtiges analytisches Instrument in der Hand, aber man kann danach nicht politisch handeln, denn sie würde das Handeln lähmen und jedes Risiko, das auch positiv sein kann!, ja gerade das Wesen der Politik ist, verhindern. Das wäre fatal, davon bin ich mehr und mehr überzeugt. So ein Risiko ging Kohl eben 1990 ein, um eine deutsche Einheit zu erreichen, glaube ich.

Gesegnete Ruhetage, B.

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Am 12.10.2015 um 18:06 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Bonsoir. Mh, naja, was ist eigentlich ein Einheitszeichen? Mit Blick auf die Wahl der CDU und die Begeisterung für Kohl wäre meine Vermutung, dass das ein Zeichen von ehrlichem Optimismus war; kein Sinnbild für eine mental vollzogene, sondern für eine emotional erhoffte Einheit.

Sehr wichtig ist auch die Beobachtung, dass es ganz andere Interpretationen der Mauerfallbilder gab! Geht es denn überhaupt darum, die Mehrheit zu definieren? Solche Bilder und Erzählungen sind doch immer sehr trügerisch, es gehen ja nie alle auf die Straße, und selbst die, die hingehen, müssen nicht dieselben Beweggründe haben. Meine Eltern erzählten mir, dass sie bewusst nicht zu Demonstrationen gegangen sind, dass sie das alles traurig und skeptisch gestimmt hat, auch wenn sie noch hofften, dass es einen Dritten Weg geben würde. Diese Vorstellung scheint gar nicht so wenig verbreitet gewesen zu sein. Letztlich war es offensichtlich keine Mehrheit, aber die Enttäuschung über diese vertane Chance, die profunde Ent-Täuschung über das Wesen des Menschen, der lieber versprochenen Wohlstand als die verheißene sozial gerechte Utopie wählt, die sitzt tief. Es gibt Menschen, die durch die Einheit ihre Zukunft verloren haben. Denn es gibt genug ehemalige DDR-Bürger, da bin ich mir sehr sicher, die keineswegs davon überzeugt sind, dass Sozialismus nur mit Terror zu haben ist. Argumentativ vom Gegenteil zu überzeugen sind sie vermutlich nicht, da wirkt doch noch die Propaganda nach.

Ach Bellarmin, Deinem Intellekt würde ich ein bisschen Phantasie verordnen. Wobei ich absolut nachvollziehe, wieso Du in dieser Weise auf die Hoyerswerda-Frau reagierst – für mich waren da einige Momente des Fremdschämens dabei. Dennoch war ich froh um ihre Perspektive, und ich denke nicht, dass sie intellektuell beleidigend ist. Wie kannst Du denn glauben, dass sich Stasi und Gemeinschaftsgefühl unbedingt ausschließen müssen? Die Gemeinschaft bestand doch nicht aus allen DDR-Bürgern, sondern aus Familie, Freunden, Nachbarschaft, Kollegen. Auf diese Netzwerke war man angewiesen, man hat sich arrangiert, getauscht, informiert, geholfen. Natürlich (!) reflektieren die Nostalgiker dabei nicht, dass das ein unter den Umständen absolut rationales Verhalten war und keineswegs darauf zurückzuführen ist, dass da nur tugendhafte Menschen herumliefen. Dennoch ist das offenbar ein lebensweltlicher Kontrast, der vielen aufgefallen ist, ohne dass sie analytisch erkennen können, auf welchen Zwangs- und Mangelstrukturen dieses Gemeinschaftsgefühl beruhte. Besonders schlecht können das vermutlich diejenigen erkennen, die auch heute materiell nicht gut dastehen, sich aber nun alleingelassen fühlen (und vermutlich die sozialistische Beschäftigungstherapie der Arbeitslosigkeit vorziehen).

Ich weiß nicht, ob Du Dir ein Bild davon machst, in welchem Maße sich DDR-Bürger arrangiert haben bzw. das Gefühl hatten, das System verstehen und umgehen zu können. Meine Eltern behaupten beispielsweise gern, dass sie ja ohnehin wussten, wer bei der Stasi war, und dann hat man dem halt nichts erzählt. Ich nehme das nicht völlig ernst, denn das sind immerhin dieselben Menschen, die keinen Sinn darin erkennen können, sich ihre Stasi-Akte anzusehen. Aber man kann nicht jahrzehntelang in einer Diktatur leben und nicht irgendwelche Mechanismen und Maßstäbe entwickeln. Man hat trotzdem Menschen vertraut, man hat Mach- und Sagbarkeitsregeln entworfen und sie seinen Kindern eingebläut. Selbstverständlich machte all das ein bisschen paranoid, genauso wie Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl nur unter bestimmten Bedingungen möglich war, aber genauso ist es anmaßend, solche Erfahrungskategorien intellektuell für absurd zu befinden. That’s not how life works. Bisher habe ich mir weder den Turm noch Weißensee zu Gemüte geführt; beim Turm habe ich es aber noch vor. Ist Weißensee nicht auch eine Stasi-Geschichte?

Identifikation. Das Mosebach-Interview enthielt einige spannende Schlaglichter. Ich weiß auch nicht. Aus meinen Überlegungen kann man sicher nichts Mehrfähiges entwickeln. Dennoch wäre es ein Fortschritt, erstmal zu inventarisieren, darüber zu reden, womit und mit welchen Menschen und Vorstellungen wir es eigentlich zu tun haben. Dann können wir uns streiten, und wer weiß, vielleicht wäre das sogar produktiv. Aber es gibt momentan keine richtige Streitkultur, oder? Die als wichtig erachteten Themen werden ja meist schnell moralisch eingetütet und abgeschnürt. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ein bisschen Würze in die Streitkultur gehört, dann muss es schon arg breiig und fad geworden sein. – Am wohlsten fühle ich mich im Ausland, wenn ich nicht den Druck fühle, eine geteilte Identität finden zu müssen. Bemerkenswert bzw. symptomatisch scheint mir zu sein, dass diese identifikatorische Leerstelle immer mehr mit Schlagwörtern und Parolen überdeckt wird. (Zum Beispiel Deutschsein als Bier, Wurst, Fußball, also die vulgärmünchner Variante.) Das hat doch Konjunktur in den letzten Jahren. Und Sommermärchenhass, wunderbar. Mein Verhältnis zur deutschen Sprache und Literatur ist nicht sonderlich durchdacht, dafür umso emotionaler besetzt. Ich vermute, wir halten es damit ähnlich. Ich musste auch gleich wieder an ein Zitat aus dem neuen MacGregor-Buch denken: »Ich bin auch als amerikanischer Staatsangehöriger ein deutscher Schriftsteller geblieben, treu der deutschen Sprache, die ich als meine wahre Heimat betrachte.« Darauf würde es bei mir vermutlich auch hinauslaufen (minus amerikanische Staatsbürgerschaft).

Zu Chris Clark habe ich eigentlich nicht mehr hinzuzufügen. Die Musik habe ich ähnlich eingeschätzt, ebenso das (Normalitäts-)Fazit. Und irgendwie hast Du natürlich auch Recht, dass letztlich eine Erfolgsgeschichte geschrieben wurde, aber ich fürchte, anders kann es im Öffentlich-Rechtlichen dann doch nicht zugehen. Dennoch funktioniert die Bezeichnung Erfolgsgeschichte nur begrenzt, zumindest in meinen Augen. Nach all den Facetten nur auf den Erfolg abzuheben, greift einfach zu kurz.

Sprache: Im englischsprachigen Raum gibt es ebenfalls kritische Einwürfe dazu, wie über die, äh, Flüchtlingskrise gesprochen wird (vom zuverlässig-klug-humanistischen John Oliver).

Welche Rolle kann/sollte denn Geschichte für Dich im öffentlich-politischen Raum spielen? Mir erscheint das kritische Begleiten gegenwärtiger Entwicklungen und Probleme durch historische Perspektiven eine perspektiverweiternde Übung zu sein, von der manche Diskussionen profitieren können, aber ich bin ja auch Historikerin… Grundsätzlich muss aber historisch unterrichteter Rat keineswegs risiko-avers sein. Momentan könnte man genauso gut eine Lanze brechen für die Alternativen zur Alternativlosigkeit, für den Willen zur Gestaltung. Aber ich träume.

In der Hoffnung, dass Du das Wochenende gesund und mit neuen Eindrücken verbracht hast,
Lg. G.

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Am 13.10.2015 um 06:12 schrieb Bellarmin:

Deine Ansichten zu DDR und 1990 wieder beeindruckend. Tatsächlich habe ich wenig Phantasie, aber ich würde hier eher von Einfühlungsvermögen sprechen, zu dem ich tatsächlich nicht in der Lage bin. Du schilderst mein Problem in einem Satz sehr gut: »Dennoch ist das offenbar ein lebensweltlicher Kontrast, der vielen aufgefallen ist, ohne dass sie analytisch erkennen können, auf welchen Zwangs- und Mangelstrukturen dieses Gemeinschaftsgefühl beruhte.« Trotzdem meinst du, dass diese Menschen zeitgebundener Weise sich darin wohl fühlen konnten. Die Debatte erinnert mich etwas an die Diskussion zwischen Winkler und Baberowski im JMEH über Russland. Baberowski meint dort ja auch, dass es notwendig ist, zu verstehen, warum Russland so handelt und Winkler antwortet mit einem bissigen Bonmot darauf, dass ich leider nicht parat habe. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben als Historiker zwischen Einfühlung und Distanz zu balancieren. Ich habe eine distanziertere Sicht als du, weil 1. ich die elterliche Verbindung nicht habe, 2. ein Verklärungselement im Spiel ist, dass du ebenfalls benennst, 3. ich gegen jede Form von Gemeinschaft ein großes Misstrauen hege. Die danach artikulierte Sehnsucht, die ich erweiterten Freundeskreis immer wieder höre, finde ich höchst befremdlich, ja gefährlich. Solche Menschen sind ungeheuer leicht zu manipulieren.

(Parenthèse: Dieses Gefühl wird vor allem durch den Fußball derzeit aufgefangen, wie auch die Kanzlerin schnell erkannt hat. Dort darf der Familienvater wieder Kind sein, nationalistisch und Gemeinschaft erfahren. Ich finde das gar nicht so übel, denn es gibt bei weitem schlimmere Alternativen).

Deswegen schon allein fehlt mir das Verständnis für diese Erzählung. Ein ›Gemeinschaftsgefühl‹ nach DDR-Art wäre für mich eine Belastung gewesen und kein Gewinn. Dass es nun eben dieser Frau aus Hoyerswerda fehlt kann ich akzeptieren, aber eben auch nicht mehr.

Ich habe in puncto Streitkultur das Gefühl, dass dort gerade wieder etwas erwacht, nach tatsächlich längerem Schlummer. Ich war gestern sehr lange mit Valéry unterwegs. Das Fazit war: Wir leben in hochspannenden Zeiten und zwar besonders auf europäischer Ebene.

Foucault unterscheidet in seinen Volesungen Il faut défendre la socété  zwischen u. a. einem philosophisch-rechtlichen (Hobbes) und einem historisch-politischen Diskurs (Boullainvilliers) in der Politik und versucht für Letzteren eine Lanze zu brechen. In seiner Argumentation sieht man aber auch, wie gefährlich das historische Denken ist. Heutzutage führt Putin es uns vor. Deswegen finde ich es korrekt, dass die History-Manifesto-Schreiber selbst ihren Anspruch relativieren. Ich teile deine Meinung.

Ad Risiko: Ich glaube eben, dass eine Politik, die Enttäuschungen explizit vermeiden möchte, gar keine Politik, sprich die »gute Leitung einer polis« ist. Auch die Flüchtlingserzählung von »notwendigen Arbeitskräften« etc., die sich als Enttäuschung herausstellen wird, war denke ich, in gewisser Weise notwendig, um diese Politik überhaupt zu ermöglichen.

Ich mag John Oliver nicht sonderlich. Ich denke das hängt mit meinem Kulturpessimismus zusammen, dass Politik heute für ein junges Publikum nur noch in so einem Unterhaltungsformat vermittelt werden kann und natürlich auch, dass ich seine politischen Ansichten nicht immer teile, die er aber, mit Ironie und grellem Humor gewappnet, als die einzig Vernünftigen ausgibt (ähnliche Ablehnung gegenüber jeglichem politischen Kabarett, am schlimmsten Rether und Pispers). Warum mich das bei Oliver noch eher nervt als bei Stewart? Ich glaube, weil Stewart liberaler ist und Abstrusitäten nicht immer so brutalistisch moralisch geframet hat wie Oliver, sondern sie für sich selbst sprechen ließ.

Aus der Salle de Romilly grüßt herzlich B.

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Am 13.10.2015 um 14:92 schrieb Gabriel de Guilleragues:

Den Unterschied zwischen Baberowski und Winkler bringst Du gut auf den Punkt. Das ist nicht nur, aber auch eine generelle Einstellungsfrage, oder? Ich bin des Öfteren skeptisch, was Baberowski angeht. Letztlich teile ich jedoch seine Herangehensweise, und ich halte das auch für eine Frage des Naturells und des Charakters. Hast Du Per Leo gelesen? Ich bisher nur die ersten Kapitel, weil das Buch danach aus meinem Zugriffsbereich verschwand, aber ich fand die Gedanken zu Herberts Best-Biographie sehr spannend, also dass jede Biographie zuerst auch eine Beschreibung des Biographen ist. Und das gilt sicher nicht nur für Biographien.

Zu Deinen Gründen für Deine distanziertere Sicht: 1. einleuchtend, natürlich; 2. eigentlich kein eigener Punkt; 3. darin unterscheiden wir uns nicht (oder wenn, dann in der Intensität). Ich würde einen anderen Begriff als Balance verwenden, weil das einen statischen Punkt des Gleichgewichts impliziert. In meinen Augen liegt die Herausforderung darin, zwischen den Ebenen der Einfühlung und der Analyse/Bewertung (denn was für eine historische Operation soll Distanz eigentlich sein?) wechseln zu können, weil eine ohne die andere nicht viel wert ist. Ohne Einfühlungsvermögen wird man auf einer menschlichen Ebene immer ungerecht bleiben und spielt den Vorteil des Nachgeborenen in unfairer Weise aus. Insofern finde ich es lohnenswert, sein Einfühlungsvermögen zu schulen. Oder möchtest Du mir mit oder ohne Winkler widersprechen?

Übrigens spreche ich in diesen Dingen durchaus nicht als Historikerin, wobei ich mir damit irgendwie widerspreche, denn ich glaube, dass mein ganzes Nachdenken inzwischen historisch geschult ist (eine wunderschöne Entdeckung der ersten Studienjahre).

(Parenthèse zum Gemeinschaftsgefühl im Fußball: Ich gehöre eher zu denjenigen, die auch diese Form des Nationalismus und der Identitäts-Ekstase skeptisch betrachten. Gerade deswegen gehe ich seit einiger Zeit immer wieder gern ins Stadion, die Sogwirkung ist wirklich faszinierend. Was ist aber, wenn die eigentlich inhaltsleeren und völlig willkürlichen Fußballpraktiken mit Inhalten und anderen Abgrenzungen zusammenkommen?)

Hoyerswerda-Frau: Akzeptanz ist viel wert, und oft kann man auch nicht mehr verlangen, dazu sind viele Sichtweisen zu abstrus. Es lässt sich nur so schlecht mit Menschen umgehen, wenn im Kopf der Banner »abstrus – abstrus – abstrus« läuft.

Zum Risiko: Auf jeden Fall, Enttäuschung muss dazugehören. Ich frage mich jedoch, ob nicht der Fehler noch tiefer liegt: Warum tun wir – Bürger, Politiker – denn so, als ob Politik und gesellschaftlicher Wandel ohne Enttäuschung abgehen könnte? Vielleicht ist das naiv, aber erwachsene Menschen sollten doch mit realistischen Perspektiven am besten umgehen können. Diese Flüchtlingserzählung, die Du erwähnst, finde ich wiederum strohdoof und gefährlich. Es mag sein, ich fürchte es fast, dass sie notwendig war, aber sie geht doch völlig am Problem vorbei.

Nur kurz ein Wort zu John Oliver und Jon Stewart, bei denen wir uns offenbar nicht einig sind. Mir wäre bisher nicht aufgefallen, dass Stewart liberaler war als Oliver. Aber ich sehe ein, dass Olivers Art moralisierend-besserwisserisch ist, aber ich gebe ihm da im Zweifelsfall den benefit of the doubt, dass er schon das Richtige meint. Und doch noch zwei Dinge: Ist John Oliver nicht eher das Symptom als die Ursache Deines Kulturpessimismus? Außerdem glaube ich nicht, dass jemand diese Show guckt, der nicht zwischendurch einen Blick in die Zeitung wirft.

Ich habe heute – endlich – in MacGregors Deutschland. Erinnerungen einer Nation reingelesen. Er vertritt auch so eine schräge Kombination aus einheitsnationalem und ambivalent-differenzierten Deutschlandnarrativ. Einerseits bin ich ein großer Fan dieses nicht-deutschen Blickes (siehe Clark), andererseits frage ich mich inzwischen, ob er nicht zwangsläufig daran krankt, ein Ganzes konstruieren zu wollen. Jetzt kommt mir dieser Gedanke ziemlich offensichtlich vor. Mit den Zdf-Sendungen ist es jedenfalls definitiv so: Wie sollte man dort etwas senden, in dem nicht irgendwie doch die Einheit beschworen wird? Ein solches Armutszeugnis würde man sich doch nicht ausstellen. Und darüber kann man eigentlich auch nicht schreiben; wer würde das lesen?

Nach Paris grüßt herzlich G.