Was ist ein guter Film?

Montag, 14. September 2015

Regeln für einen guten Film zu erdenken wäre irr, denn es braucht nicht viel für einen guten Film. Une fille et un flingue (JLG) sind genug. Vielleicht sagt sich leichter, warum ein Film kein guter, sondern ein schlechter Film ist.

Nur der kluge Zuschauer erkennt einen schlechten Film. Bevor er einen Film sieht, mag es der kluge Zuschauer nicht sonderlich, eine bande annonce zu sehen und am liebsten kennt er nur den Regisseur und Titel des Films. Vielleicht hat er am Nebentisch in einem Café sein ungefähres Thema beiläufig aufgeschnappt. Der kluge Zuschauer lässt sich massieren, wenn er Entspannung sucht, und geht in den Europapark, wenn er einen Adrenalinschub sucht – aber nicht ins Kino. Der kluge Zuschauer weiß, dass es kein größeres Manipulationsmedium als die Verbindung von Sprache, Ton und Bild geben kann. Er verachtet Tonteppiche, die eine Einheit dieser drei Elemente suggerieren; er verachtet einen score, der Bilder verstärken und Emotionen durchschaubar generieren möchte.

In Youth, dem neuen Film von Paolo Sorrentino, sieht man zu Beginn einen tibetanischen Mönch, der seit Jahren in Davos zu schweben versucht; man sieht, wie der letzter Film eines betagten Regisseurs ersonnen wird, geschrieben für jene Diva, mit der er bereits elf Mal gedreht hat; man sieht an mehreren Tagen ein Ehepaar, das schweigt. Am dritten Tag wird gescherzt, dass das Ehepaar stumm sei; am Ende sagt die Diva den Film ab; am Ende schwebt der Mönch zu post rock in den Alpen. Ein Film muss nicht allen Erwartungen widersprechen, die er entwickelt, aber zu viele geradlinig entrollte Geschichtsfäden ohne Kurven, Schluchten, Anstiege und Gefälle enttäuschen den klugen Zuschauer. Nicht, dass er sich langweilt, denn Langeweile und auch Schlaf können ein interessantes Erlebnis während eines Film sein, vielleicht kann der kluge Zuschauer auch gar nicht von einem Film gelangweilt sein, denn er ließe einfach seine Gedanken von der Leinwand abschweifen und würde losgelöst von ihr eine andere Frage bedenken. Langweilig sind dann nur actionüberladene, laute Filme, in denen es unmöglich ist, abzuschweifen. Der kluge Zuschauer verlässt das Kino lieber mit zehn neuen Fragen, als mit zehn neuen Antworten. Ob der Zuschauer aber nun enttäuscht wird, hängt von seiner Erfahrung ab und das Problem ist, wie einer von den Pythons in einem Interview einmal meinte, das man mit dem Alter die meisten Witze schon kenne. Das zeigt auch, wie wichtig die Reihenfolge ist, in der man etwa das Werk eines Regisseurs ansieht.

Der kluge Zuschauer freut sich, wenn der ihn Film reisen lässt: wenn er Fred Ballinger eine Kuhherde dirigieren sieht und Glenn Gould zu erkennen glaubt; wenn er für wenige Sekunden eine weiße Badekappe in der Sauna erspäht und zu sehen glaubt, wie die Baigneuse Valpinçon im türkischen Bad ihm ihren Rücken zukehrt; wenn er weiße, sacht wehende Vorhänge im Davoser Hotelgarten sieht und in den sommerlichen Palazzo des Gattopardo getragen wird, die dumpfen Stimmen das Gebet von Vater Pirrone nachmurmeln zu hören glaubt. Der kluge Zuschauer sollte aber vorsichtig sein und nicht nur in Referenzen schwelgen, so sehr er sich an ihnen labt. Wahrscheinlich wird er es sogar als Schwäche eines Films ausmachen, wenn seine einzigen Stärken in Remineszenzen liegen. Elektrisiert ist der kluge Zuschauer von neuen und ungewöhnlichen Kombinationen, Schnitten, Blicken, Tönen und Gedanken, »die neue Kraft geben, neue Stärke, neues Neu und neue Wut für die nächste Attacke«.