Kündigungsgespräch (4): Jürgen Tern

Sonntag, 13. Dezember 2015

Simon war wieder einmal verschwunden. Tagelang war er diesmal untergetaucht. Nach sicher zehn unbeantworteten Anrufen hatte ich ihn gestern Abend endlich erreicht und wir verabredeten uns auf um vier, Alter Simon, Konviktstraße 43. Dort saß ich dann kurz-nach als erster Gast, hatte bereits einen Kranz Domkölsch vor mir stehen und versuchte einige Gedanken zur Vulgarisierung der deutschen Sprache fortzuführen (denn ich war zutiefst überzeugt, jene festgestellt zu haben), um diese Simon dann später noch eindrücklicher darlegen zu können. Ausgehend davon, daß einer der führenden Oppositionspolitiker erst kürzlich den Parlamentspräsidenten als »Arschloch« injuriert hatte, gingen meine Erwägungen dahingehend, daß sich eine neue Kultur der Invektive nun auch in den höchsten Institutionen unseres Gemeinwesens etabliert hatte. Ich sah mich in meiner Analyse nur bestätigt, als ich hörte, daß ein Journalist einer großen deutschen Tageszeitung nach der Redaktionskonferenz mit demselben Wort seinen Chefredakteur verunglimpft hatte. Irgendwie ermüdeten mich meine eigenen Überlegungen dann aber selbst zu sehr und ich holte die Faz aus meiner Tasche, deren letztes Exemplar ich eben noch bei ›Schreibwaren Rose‹ ergattert hatte. Ich kam aber nicht einmal zur ersten Überschrift, denn mein Blick blieb bereits kurz unter den großen Frakturlettern hängen. Irgendetwas stimmte da doch nicht in der Herausgeberzeile meiner geliebten Francforter – nein, tatsächlich, nur noch… / Und da sah ich Simon federnd zur Tür hereinschreiten, hielt ihm entgeistert die Titelseite der Faz entgegen und rief: »Sie haben den Tern rausgeschmissen!«

Simon kam nun gemählicher auf mich zu, setzte sich, lächelte milde und griff zu seinem ersten Kölsch. »Ja, ich weiß«, sagte er  grinsend, »und ich bin dabei gewesen«. Ich war so geschockt, daß ich ihn nur mit einer rollenden Handgeste zum Weiterreden auffordern konnte, aber Simon leerte erst einmal mit sichtlichem Genusse sein Glas. »Streng geheime Operation natürlich. Nach Faz-Regelung waren mir jegliche Telefonate zur Außenwelt während der Trennungsprozedur untersagt. Du glaubst gar nicht, wie bei denen der Laden gebrannt hat. Sogar ich war einmal kurz davor, die Sache abzublasen. Aber jetzt ist ausgeternt. Schachmatt«. Sichtlich erleichtert griff er zu seinen Zigaretten. Ich gab ihm ein Feuerzeug und fragte: »Also was war deine Aufgabe?« Er grinste schon wieder. »Eigentlich alles. Von der Planung der Verschwörung bis zum Entlassungsschreiben, auf das ich übrigens besonders stolz bin, hör mal: ›Wir sehen unsere Bemühungen um Sie als gescheitert an‹. Dem Spiegel habe ich dann auch noch die entsprechenden Informationen gesteckt. Auch die Verbindung zu Korn, ohne mich hätte Hoffmann nur träumen können, daß der mitzieht«. »Wie auch immer«, sagte ich, »und Tern ist am Ende einfach gegangen?« »Gestern Nachmittag war dann das Gespräch und der gute Tern hat mir schon fast leid getan. Aber er blieb die ganzen Anderthalbstunden vollkommen souverän, wirklich einzigartige ›Nehmerqualitäten‹ der Mann.« Ich atmete auf. »Nur dann, als er zur Tür ging. Du willst nicht wissen, was er uns im Umdrehen von der Schwelle aus zugerufen hat…«

Kündigungsgespräch (3)

Montag, 16. November 2015

Es war schon ziemlich früh geworden und ich war mir sicher, daß draußen bereits die erste Amsel zu hören war – der Tabak war leer und gerade war zwischen mir und Simon eine Stille eingekehrt, während der wir beide merkten, daß unsere jeweils vertretenen Positionen nicht sonderlich originell waren, wir den anderen zu oft unnötigerweise unterbrochen, im eigenen sophistischen Rausch nicht zugehört oder zumindest nicht sehr gut argumentiert; kurz, daß wir ziemlichen Blödsinn geredet hatten. Um die Stille zumindest physisch etwas aufzulockern, beschloß ich, Simon mit einigen Extra-Slim-Zigarettenfiltern zu bewerfen. Da leuchtete es plötzlich in seinen Augen und er rief: » – Augstein!«. Ich sah ihn verwundert an, dachte nach und sagte dann »aber er ist doch auf Sylt«. Wir erhoben uns vom Tresen und Simon warf noch eine Münze für Così fan tutte in die Jukebox, dann gingen wir nachhause.

Kündigungsgespräch (2): @jreichelt

Freitag, 14. August 2015

Nach dem letzten Bier gestern raunte ich meinem Freund und Feuilletonpersonalverwalter Simon ins Ohr: »Aus sicheren Quellen weiß ich, dass auch du jeden Artikel von Editor-in-Chief Julian Reichelt liest.« Er wollte eben zur Theke gehen und zahlen, aber ich hielt ihn fest: »Warum?« Er musste nicht lange überlegen: »Nicht mal mehr Jasper von Altenbockum verteidigt doch den BND gegen diese Snowden-Agitatoren, da ist Reichelt der einzige der da eine klare Kante zeigt.« Ich nickte. »Außerdem, hast du jemals jemanden gesehen, der wie er Konstantin von Notz grillen kann?« Ich nickte erneut. »Und die Zukunft des Journalismus. Da gibt er als E-i-C einfach die richtigen Impulse. Wenn du die Flüchtlinge bei Calais oder den Varoufakis nicht mit dem I-Phone im Anschlag verfolgst, dann hast du heutzutage doch sowieso schon verloren.« Ich nickte noch einmal. »Wir sind uns also beide einig, Reichelt darf seinen Posten behalten.« Gemeinsam standen wir auf, gingen zur Theke und zahlten. Als wir rausgingen meinte Simon dann noch: »Zum Glück bin ich für Politik sowieso nicht zuständig.«

Kündigungsgespräch (1): @davidhug

Donnerstag, 13. August 2015

Gestern nach dem vierten Bier sagte Simon zu mir: »Also eigentlich mag ich diesen David Hugendick ja«, und holte so tief Luft, dass ich ihn kurz unterbrechen konnte. »Ist das jetzt nicht ein bisschen wohlfeil, einfach so auf die Zeit loszugehen?«, fragte ich. »Außerdem möchte er nicht nur Deutschland, sondern gleich das ganze Abendland abschaffen. Das muss dem konkret-Leser doch gefallen.« Simon blickte mich verständnislos an: »Niveau-Hautcreme-Witze für Fortgeschrittene! Jemand der „Euphemismuskiste“ und „Arsch der Welt“ und „Muss ich mir merken“ schreibt und das sogenannte Anführungszeichen zur Kunstform erhebt, der hat im Feuilleton einfach nichts verloren! Rausschmeißen!« Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und blies zufrieden einige Rauchschwaden in den Nachthimmel. »Das sagst du jetzt, weil du mal einen letzten Absatz von ihm gelesen hast. Asylkritiker, Pressefreiheitskritiker, das ist doch einfach wunderbare Sprachkritik.« Wütend knallte Simon sein Pils in Elke-Heidenreich-Manier auf den Tisch: »Als ob Textkenntnis überhaupt noch irgendein Kriterium ist!« Da unterbrach eine dieser Perseiden-Sternschnuppen von gestern kurz unser Gespräch. »Eigentlich«, sagte ich.