33, Quai d’Orsay

Donnerstag, 8. Oktober 2015

« Posez des questions! », so immer wieder der Leiter der etwas über 30 Studenten, die mit ihm durch das französische Regierungsviertel tingelten. Er brauchte sich eigentlich nicht zu sorgen, denn die Studenten aus gut zehn unterschiedlichen Ländern stellten in durchweg bemerkenswert gutem Französisch so viele Fragen, sodass es niemals zu einer awkward silence kam. Besucht wurden: Jean-Marc GERMAIN, Abgeordneter von Hauts-de-Seine und frondeur, Olivier UBRICH, Directeur général von BASF France, Jean-Louis BIANCO, Präsident des Observatoire de la Laïcité und Berater von Ségolène Royale (die sich freundlich lächelnd zum kurzen Grußwort im Umweltministerium zeigte) und Jean-Marie LE GUEN, Minister der Beziehung mit dem Parlament. Ein ordentliches Programm, viel Zeit zum Besuch der Bibliothek der Assemblée mit ihren Deckengemälden von Delacroix oder dem Studium der einzelnen Räume und Gemälde blieb nicht. Dabei ist die Kombination aus Absolutismus, Empire, Julimonarchie und Republiken, die alle ihre Spuren im Palais Bourbon hinterließen, natürlich einzigartig. Allein das Relief des Frontons wurde zweimal augetauscht: Louis XVIII. ersetzte Napoléons Sieg in Austerlitz mit einer Glorifizierung der Charte Constitutionelle, welche dann wiederum in der Julimonarchie durch eine Frankreich-Allegorie ausgetauscht wurde. Die Säulenreihung stammt aber weiterhin vom ersten Konsul und ergänzt die der (hinter der Place de la Concorde gelegene) Madelaine auf der gegenüberliegenden rive droite. Im Inneren des Palasts blicken Numa, Lykurg und Solon mit vielen anderen von den Wänden. Die Schule von Athen wacht über die Abgeordneten im Hémicycle. Egal, wichtiger war ohnehin das jeweils obligatorische Foto vor egal welcher Fassade. Was waren die Leitmotive der unterschiedlichen Diskutanten? 1. Frankreich als Land der Ideen von 1789, besonders nach den « attentats de janvier », 2. eine Überbietung in Europaaufgeschlossenheit, sei es das Prinzip des Ingenieurs von BASF, aus der Komplexität Europas das jeweils Beste zu lernen, statt sie zu beklagen, sei es Bianco, der sich gar als « européen militant » beschrieb. 3. Eine gewisse Nervosität, wenn von einer gemeinsamen europäischen Linken die Rede war. Dafür gab es 4. vielmehr die Sicherheit, « que la France est reformable », gleichzeitig wurde aber auch betont, dass es so schlecht um die Wirtschaft ohnehin nicht stehe. Ja, sogar das früher so gehasste deutsche Wort der compétivité kam den Sozialisten locker von den Lippen. Am weitesten ging Le Guen, der davon sprach, dass die Franzosen in freier Wahl die Massenarbeitslosigkeit wählen würden. Da sich weder Kollegen, noch Journalisten unter uns befänden, wurde jovial gepoltert: « Les Français aiment plutôt d’être au chomage, que travailler ». Das würde sich allerdings langsam ändern. Sogar Mini-Jobs wurden positiv erwähnt, hoch leben « nos amis d’Allemagne ». Die wurden dann aber auch gleich dafür gerügt, nur ökonomisch eine Führungsrolle einnehmen zu wollen. Abschließender Gang durch den Garten des Hôtel de Clermont, konzeptioniert vom Petersburg-Planer Jean-Baptiste Le Blond; nebenan wohnt ein Emir aus Katar, der sich bisher in dreißig Jahren einmal blicken lassen hat. Beschwingt begann unser guide mit der Astrologie : Wiederwahl Hollande 2017 mit cohabitation von Juppé, außerdem Bayrou sehr stark – soviel also zur Lage der Nation.

25

Dienstag, 6. Oktober 2015

Natürlich ist es am besten die Einheit einfach im Sinne des abstrakten Tourismus zu praktizieren; hier in Paris hofft man, dass die eingeladenen Gäste, das DHI und der Botschafter nicht nur das übliche angestaubte Publikum zu der einschlägigen Veranstaltung zieht. Der neue Botschafter Meyer-Landruth begrüßt dann auch tatsächlich ein zahlreich versammeltes Publikum im Keller des Goethe-Institus, rue d’Iéna. Statt ein »neues deutsches Selbstbewusstsein« am Nationalfeiertag in die Welt zu tragen schlägt er in deutscher Bescheidenheit persönlichere und ruhigere Töne an, so ruhig, dass bald aus dem Publikum der Wunsch zu hören ist, er solle doch etwas lauter und ins Mikrofon sprechen – ein Ritual, dass sich den gesamten Abend wiederholen wird. Er selbst, Meyer-Landruth, habe als junger Diplomat in Wien die Wiedervereinigung erlebt und freue sich nun eine ostdeutsche Perpektive auf die Ereignisse zu hören. Denn für die Westdeutschen, so wird dem französischen Publikum erklärt, habe sich am 3. Oktober nicht viel verändert, für sie wurde im Jahr 1990 das Leben nicht in zwei Hälften geteilt.

Es wird übergeleitet an die germanophile Journalistin Pascale Hugues, die den Abend moderieren soll. Sie freut sich auch, viele »junge Gesichter« im Publikum zu sehen (und sinkt infolgedessen bereits dramatisch im Sympathiebarometer). Später ist sie dann nicht mehr sonderlich beschäftigt, denn die einzelnen Diskutanten treten häufiger in einen freundschaftlichen Dialog und schließen ihre Gedanken selbständig aneinander an. Es beginnt Christoph Links, im Verlagsgeschäft in der DDR tätig, der 1989 einen der ersten Privatverläge der DDR gründete und 1990 als Befreiung verstand. Die Bilanz seines Lebens in der DDR ist zweigeteilt: er erinnert an die allgegenwärtige berufliche Einengung durch den Staat, aber auch an ein glückliches Leben im privaten Kreis und eine eigene ostdeutsche Kulturgeschichte. Leider kommt er im Laufe der Diskussion nicht mehr häufig zu Wort, nur kurz kann noch er die These eines eigenen ostdeutschen Blicks vertreten, den er auch noch in der Generation seiner Tochter finde und der die Bundesrepublik bereichern würde.

Maßgeblich gestalten zwei andere Männer den Abend, die beiden Vertreter aus Wirtschaft und Politik, Edgar Most und Lothar de Maizière. Most, im breitesten Thüringerisch sprechend, war der letzte Vizepräsident der DDR-Staatsbank, gründete dann die erste Privatbank der DDR mit (die DKB) und wechselte einigermaßen reibungslos zur Deutschen Bank, bei der er eine Art Freibrief für Ostdeutschland bekam. Wie er die ideologische Hunderachtziggradwende vollzogen habe, wisse er selbst nicht mehr so richtig, antwortet er auf die Frage (»nicht persönlich gemeint«) am Ende, ob er sich denn als Kommunist verstanden habe. Dafür stellte er dankenswerter Weise fest, dass »die Frage, die Sie nicht persönlich meinen, persönlich ist«. Eigentlich habe sich nur eines verändert: statt stets auf den Gewinn des Staates zu sehen, sah er eben nun nur noch auf den Gewinn der Bank. Hugues interessiert sich dann eher für seine Freundschaft mit Ackermann und fällt auch sonst eher durch Allgemeinplätze und Nullstichwörter auf, so etwa die »wunderschönen Landschaften im Osten«, die »wunderschön renovierten Städte« und die »verlorene Generation«.

Zum Glück sitzt da noch Lothar de Maizière, der wie mehrmals betont »erste und letzte frei gewählte« Ministerpräsident der DDR, der im preußisch-nasalen Stakkato die klarste Sicht auf die Vergangenheit hat, wahrscheinlich weil er mit der doppelten Freiheit des Mannes spricht, der die DDR und ein politisches Mandat hinter sich gelassen hat. Wenn von Christoph Hein, als écrivain engagé vorgestellt, die Schnelligkeit der Einigung beklagt wird, dann antwortet de Maizière, dass sie eben nur in dieser Schnelligkeit zu erreichen war, denn die UdSSR stand kurz vor dem Bankrott. Auch war es nicht der Intellektuelle, der am eindringlichsten auf die verlorene Generation der 50-jährigen aufmerksam machte, sondern ironischerweise der Manager Most, der erzählte, wie bei seinem Grundschulklassentreffen in Thüringen auf einmal neunzig Prozent siner alten Klassenkameraden arbeitslos waren. Diese Generation, allgemein eine Veliererperspektive, ist natürlich nicht auf dem Podium vertreten und de Maizière ist der einzige, der sich mit der Frage weiter auseinandersetzt und zwar politisch-realistisch. »Verlorene Generationen gibt es nun mal«, sagt er, »denn Geschichte ist keine gerechte Veranstaltung« und es sei »fraglich, wie man sie auffangen soll«. Wie diese ältere Generation ihre Enttäuschung mit der Bundesrepublik an eine jüngere weitergegeben hat, die sich vor allem im ländlichen Raum radikalisierte, wird nicht diskutiert – Most kritisiert im Zusammenhang den Ausverkauf der ostdeutschen Industrie und den für sie fatalen Wechselkurs, auch Hein macht immerhin auf die Entvölkerung hinter den schönen neuen Fassaden aufmerksam.

Hein, dem ich bereits vorurteilsbelastet gegenübertrat, denn ich hatte seinen vor allem sprachlich ausgesprochen schlechten Roman Weißkerns Nachlass nur aus Gutmütigkeit vor zwei Jahren zu Ende gelesen, war der Schwächste auf dem Podium. Mit schriftstellerischer Selbstgefälligkeit zitierte er García Márquez und Eco und schwadronierte dann in einer moralisierenden Brandrede davon, dass der Mauerfall ähnliche historische Bedeutung wie der Zusammenbruch des römischen Reichs hatte (anstatt wie de Maizière den Mauerfall als ein Ereignis des Zusammenbruchs der UdSSR geschichtlich angemessen zu verorten), um dann in die Flüchtlingkiste zu greifen und von den 50 Millionen Nigerianern zu sprechen, die vom IS vertrieben bald nach Europa kommen würden. De Maizière war dem stotternden Hein nicht nur rhetorisch und analytisch überlegen, nein, er war auch schärfer. Mit Kohl und dessen „Ich-bin-Deutschland“-Attitüde habe er sich nicht verstanden, er sei nun mal protestantischer Preuße und nicht rheinischer Katholik; dass Kohl ihn duze, habe er sich verboten, woraufhin Kohl ihn »feinen Pinkel« nannte. Auch gab de Maizière das beste Psychogramm seiner ehemaligen Mitarbeiterin und DDR-Bürgerin Angela Merkel unter den Anwesenden. Sie sei sehr intelligent, denke naturwissennschaftlich-kausal, was auch zu ihrem »beschränkten Wortschatz« führen würde. Eine Durchsetzungsfähigkeit, wie sie Merkel später bewies, habe er ihr nicht zugetraut, vielleicht habe sie die von Kohl gelernt.

Dass de Maizière aber in Richtung des französisches Publikum wegen der nicht eingehaltenen Maastricht-Kriterien stichelte, war unnötig und unhöflich, brach Deutschland sie doch zuerst und vor einigen Jahren (2009 und 2010) auch noch selbst. Seine deutsch-deutsche Gegenwartsdiagnose traf dafür ins Schwarze: Die gefühlte Teilung Deutschlands sei eine Generationenfrage, denn für die jüngere Generation sei die DDR bereits so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Und schließlich meinte der Sohn aus hugenottischer Familie: Vierzig Jahre habe der Exodus der Israeliten aus Ägypten gedauert, »das einzige, was uns fehlt, ist Geduld«.

Rue Mabillon

Mittwoch, 30. September 2015

Etwas verschlafen saß ich an meinem angestammten Platz um 12 Uhr in einem der Restaurants Universitaires der Stadt, etwa so wie der enseignant, M. Brizay, heute früh, der nach längerem Warten um 8.19 Uhr mit den Worten « Excusez mon retard. Mais j’ai dormi il y’en a 19 minutes » den TD eröffnete. Dieses Vorkommnis verstärkte den durch seine Haare und seinen moustache ohnehin schon proustianischen Nimbus, den er für mich hatte, widersprach ihm aber auch, denn er stürmte mit Lederjacke und rosa-kariertem Hemd in die salle F050. M. Brizay ist ein Freund des apodiktischen Worts, was bei jungen Historikern so selten wie angenehm ist. So teilt er etwa die Historiografie in erstens die positivistische (Aufzählung von Ereignissen) und zweitens die annalistische (eine Geschichte, die nicht in den Quellen zu finden ist) ein; über Genua meint er: sie hatten nichts, außer ihre Flotte und ihre Banken; und Luther wird mit keinem Wort erwähnt, sondern nur von den Häretikern gesprochen. Das in schrecklichem rot-weiß eingerichtete Resto U hat den Vorteil, dass eine rote Tischlinie, barartig an den Fenstern gelegen, den Blick nach außen während des Essens ermöglicht. So kann ich von meinem angestammten Platz im zweiten Stock auf das gegenüberliegende Haus sehen, auf dessen Fassade weiße Schrift auf Schildern in lieblichem Blau das 6e arr., die Hausnummer 6 und die Rue Mabillon dem Besucher verkünden. Darunter die blaue Markise von Capri Bazar und darunter eine Ordnungskraft in blauer Uniform, die eben das Nummernschild eines Renaults photographieren möchte und, schnell herbeigeeilt, der Besitzer des Wagens in blauer veste, der sie nun zutextet und sie schließlich mit einem Luftkuss in Richtung der Rue du Four verlässt, während sie lächelnd zum nächsten Wagen streift. Noch schöner ist der Blick auf die beiden Türme des größten Gotteshauses der rive gauche von meinem Platz und besonders auf den südlichen, nicht vollendeten Turm, was an den größten deutschen Pariser, den 1843 seine Reise nach Köln führte, denken lässt:  »Doch siehe! dort im Mondenschein / Den kolossalen Gesellen! / Er ragt verteufelt schwarz empor, / Das ist der Dom von Köllen.  Er ward nicht vollendet – und das ist gut. / Denn eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung.« Heine schließt damit, dass er den Dom gerne als Pferdestall und die drei heiligen Könige in den Ketzerkäfigen an St. Lamberti in Münster sehen würde, denn: »Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen.« Der unvollendete Südturm von Saint-Sulpice ist nicht ein Denkmal der protestantischen Sendung sondern ein Mahnmal der Revolution, im deren Verlauf die Baugerüste des Turms entfernt wurden und die Kirche erst zum Temple de la Raison, dann zum Temple d’Être suprême und schließlich zum Temple de la Victoire wurde. Statt der korinthischen Kapitelle des Nordturms ragen nun nur einige unbehaune Steine aus dem Mauerwerk seines kleineren Bruders.